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Krisenmanagement
Rückfälle und Krisen gehören zur Multiplen Sklerose. Die Krankheit lehrt, mit Krisen zu leben.

Wenn es mir nicht gut geht, unternehme ich keine langen Fussmärsche. Ich sage manchmal Termine ab, um mich zu Hause zu erholen. Nicht alle kulturellen und gesellschaftlichen Anlässe sind gleich wichtig. Ich schaue generell, dass ich zu genügend Schlaf komme, d.h. sieben bis acht Stunden pro Nacht. Wenn ich mich schlecht fühle, kann ich auch eine oder zwei Stunden länger im Bett bleiben.

Als im kalten Februar 2013 viel trockener Schnee fiel, habe ich früh morgens das Badekleid angezogen, ein Badetuch mitgenommen und bin mit dem Lift hinuntergefahren. Ich habe das Badetuch in den Milchkasten gesteckt und bin zum verschneiten Rasen gelaufen, in die Knie gegangen, habe mich mit Schnee eingerieben, danach ausgestreckt auf den Schnee gelegt und einige Male hin und her gewälzt. Dann bin ich rassig aufgestanden, habe das Badetuch um mich geworfen und bin mit dem Lift in die Wohnung hinaufgefahren. Danach habe ich mich kalt abgeduscht und eingeseift, abgetrocknet und nochmals ins Bett gelegt. Ich habe dies bei pulverigem Neuschnee einige Male wiederholt, denn es hat mir Erleichterung gebracht.

Schneebaden ist wohltuend und gesund. Ich kann es allen Menschen empfehlen. Sie sollten vorher jedoch ihren Kreislauf abklären lassen. Ich habe vor dem Schneebaden in der Wohnung noch meine Gymnastik absolviert, damit der Körper nicht steif den Minusgraden ausgesetzt ist. Die Verhältnisse sind bei kaltem, pulverigem Neuschnee in genügenden Mengen günstig. Es ist zu vermeiden, auf nassem Schnee sowie auf einer dünnen Schneeschicht zu liegen. Bei zu wenig Schnee droht man auf Gras oder Dreck zu geraten. Temperaturen unterhalb minus fünf Grad sind vorteilhaft. Leider kommen solche Schneeverhältnisse wegen des Klimawandels nicht mehr in die Stadt.

Eine Therapeutin hat mir die Entspannungsübungen von Jacobson beigebracht. Ich habe sie in schlechten Phasen während des Tages dazwischen für 20 bis 30 Minuten angewendet, so dass ich etwas erholt weiter machen konnte. Unter Google können zahlreiche Anleitungen gefunden werden.

Gerne entspanne ich mich während schlechten Phasen abends mit einer Tasse Hanftee. Ich brühe etwa zwei bis drei Esslöffel Hanfkräuter auf und lasse sie fünf bis zehn Minuten ziehen. Nach dem Sieben füge ich wenig Kaffeerahm zu. Das THC im Hanf ist fettlöslich, ähnlich wie das Karotin in den Karotten. Es wäre jedoch besser, wirksamerer Hanf könnte legal vom Bio-Hof bezogen werden. Er hätte einen höheren THC-Gehalt. Er muss nicht geraucht werden, sondern kann auch als Tee oder in einem Inhalationsgerät angewendet werden. Wann wird er endlich legalisiert wie in einigen US-Bundesstaaten, wo die Behörden weitsichtiger sind? So kämen Patientinnen und Patienten selbstbestimmt zu einer wirksamen, Erleichterung schaffenden Heilpflanze. Müssen wir für alles auf Arztrezepte und die pharmazeutische Industrie angewiesen sein?

Auch wenn es schlecht geht, führe ich meine täglichen Gymnastikübungen fort und steige die Treppe hinauf. Der Körper muss immer in Bewegung bleiben, um die Geschmeidigkeit zu erhalten.

Es ist wichtig, in Alternativen zu denken. Was mache ich, wenn ich so eingeschränkt bin, dass ich nicht mehr imstande bin, lange Märsche, geschweige anspruchsvolle Bergwanderungen zu unternehmen? 2013 hat mich anfangs Juni eine Infektion samt Mittelohrentzündung geplagt. Dazu sind die MS-Symptome in mir in Aufruhr versetzt worden. Fieber und danach Antibiotika haben mich zu langem schlafen gezwungen. Einmal bin ich nach dem Mittagessen tief eingeschlafen und danach in Alarmstimmung versetzt worden. Ich musste mich rasch anziehen, um als Bankrätin pünktlich zur Rechenschaftsablage in der Kantonsratsfraktion zu sein. Dies zeigt, wie stark ich damals geschwächt gewesen bin.

Sobald ich fieberfrei gewesen bin, bin ich in die Natur hinausgegangen. Ich bin gemächlich umhergestreift und habe Teekräuter und Beeren gepflückt. Bei grosser Hitze bin ich erst in den Abendstunden der langen Junitage hinausgegangen. Nach einer kurzen Postautofahrt habe ich im Aargau drüben idyllische Plätzchen gefunden, vor allem das Jonental. Das Pflücken von Teekräutern und Beeren fördert die körperliche Beweglichkeit. Die Sträucher sind auf holprigen Böden, was die Fussgelenke aktiviert. Holunder, Lindenblüten, Brennnessel (Latex-Handschuhe dabei haben) kräftigen das Immunsystem. Holunder-Sirup kann gegen Husten oder zur Vorbeugung verwendet werden, ebenfalls als feine Dessertbeigabe. Eine selber gemachte Brennnessel-Cremesuppe bringt Gault-Millau-Atmosphäre in der heimischen Küche auf. Mädesüss ist ein feiner Hustentee. Einjähriges Berufkraut schmeckt fein zu Konfekt oder Kuchen sowie als Feierabend-Tee. Ich habe ein wildes Brombeer-Strauch-Gebiet entdeckt und das Gefühl gehabt, als hätte ich praktisch fast alle Beeren für mich gehabt. Diese dunkle, charaktervolle Beere ist ebenfalls gesund.

Natürlich backe und koche ich auch gerne. Rüsten von Gemüse und Kneten von Teig ist natürliche Ergotherapie für die Fingerfertigkeit. Meine Back-Freude ist für die Gewichtskontrolle eher eine gefährliche Alternative.

Wer solch lustvolle Alternativen findet, hat weiterhin Freude am Leben. Nach einigen Wochen habe ich mich allmählich stärker gefühlt und sind die Wanderungen länger geworden. Ich habe wie alle Jahre, am traditionellen Stadtumgang teilnehmen können. Es hat sich gelohnt, mir genügend Zeit für die Erholung und den Aufbau zu geben. Die Logbücher ab Spätherbst 2013 legen Zeugnis davon ab.
Holunderblüten-Sirup angesetzt.
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