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Risikomanagement
Multiple Sklerose ist ernst zu nehmen. Sie beeinträchtigt das Gleichgewicht. Es besteht akute Sturzgefahr, auch bei mir. Ich falle alle Jahre mehrmals um, manchmal nur wegen einer übersehenen Bodenwelle oder einem Absatz. Dies setzt immer einige Schürfungen oder Blutergüsse ab.

Gute sportliche Konstitution mindert die Sturzgefahr. Kommt es zum Sturz, ist das Verletzungsrisiko bei gut trainierten Menschen geringer als bei untrainierten. Ständige Bewegung stützt den Knochenaufbau. Ich habe mich gegen Tetanus impfen lassen. Meine ärztin prüft und behandelt nach Bedarf meinen Vitamin-D3-Haushalt.

Ich melde mich immer bei meiner Tante vor einer Tour ab und nach der Tour wieder an, weil ich fast immer allein unterwegs bin, auch auf einsamen Bergwanderwegen. Ich habe ein Handy bei mir.

Ich achte auf genügend Schlaf und ein kräftiges Frühstück vor der Tour. Ich nehme genügend Marschtee und trockene Sportlernahrung mit. Ich teile anspruchsvolle Bergwanderungen so ein, dass ich ein grosszügiges Zeitbudget habe. Ich fahre oft mit dem ersten Postauto hin und mit dem letzten Postauto wieder ab. Dazwischen schalte ich auf schwierigen Wegabschnitten die Zeit für mich aus. Es ist mir wichtiger, meine Schritte sicher und ruhig zu setzen als schnell zu sein. Schnelligkeit übe ich nur auf einfachen, problemlosen Wegen, wo ein Sturz nicht zu schweren Verletzungen führen muss. Auf steilen, ruppigen, ausgesetzten Wegen ist Langsamkeit und Konzentration angesagt. Eine gute Kondition ist die Voraussetzung, um sich während Stunden in schwierigem Gelände konzentrieren zu können. Die Wanderstöcke unterstützen mich bei der Koordination. Sie können in tückischem Gelände aber problematisch sein. Es ist manchmal besser, sich in felsigem Gelände mit Hilfe der Hände zu bewegen und das Dreipunkt-Prinzip zu befolgen.

Ich gehe nur bei günstigem Wetter auf schwieriges Gelände. Für gewisse Touren sollte es vorher mehrere Tage lang trocken sein, um nicht auf rutschigen Untergrund zu geraten. Beim Winterwandern montiere ich an meine Wanderschuhe einen soliden Gleitschutz.

Eine gute Kondition ist immer gut. Auf einer scheinbar einfachen Wanderung kann plötzlich schwieriges Gelände folgen. Vor allem in den Südtälern können überraschungen erlebt werden. Karte und gelbes Schild zeigen einen Wanderweg an, aber das Gelände wechselt in einen ruppigen, ausgesetzten Bergwanderweg, so zwischen Roveredo und Grono, wo der Wanderweg wegen der Umfahrungsstrasse im Bau plötzlich auf schwieriges Gelände samt Warnschildern vor Sprenggranaten übergegangen ist. Wer sich auf Flusswanderungen gegen Widerstände durchsetzen will, muss auf alles gefasst sein. Dieses zusätzliche mentale Training hilft mir allerdings auch, in den wirtschaftlichen Gremien und auf Fachtagungen sicher und entschlossen aufzutreten.

Manchmal sind zwei Anläufe notwendig, um ans Ziel zu kommen. 2012 bin ich noch nicht so weit gewesen, um zur Quelle der Gotthardreuss und zum Lucendro-Pass aufzusteigen. Ich bin weit über dem Lucendro-Stausee umgekehrt. 2014 habe ich mich so steigern können, dass ich Quelle und Pass packen konnte. Erlebnisse wie oberhalb von Roveredo haben mich genügend konditioniert. Ich gleichen Jahr habe ich ebenfalls das Quellgebiet der Sihl erreicht und den Saaspass überschritten. 2012 war es für mich noch undenkbar, den Bergweg nach Untersihl in Angriff zu nehmen.

2014 habe ich mich um die Schluss-Etappe von Hinterrhein via Zapport-Hütte zum Ursprung gedrückt. Der Sommer ist oft nass gewesen und im Frühherbst habe ich mich gescheut. Der Bergweg ist als T3 taxiert und wird an einer Stelle bei feuchtem Wetter als heikel und glitschig beschrieben. Der Aufstieg ist weniger ein Problem, jedoch der sichere Abstieg. Ich habe vor, zuerst einmal zum Zapportstaffel aufzusteigen und dort den Weg zur kritischen Passage auszuspähen oder zu schnuppern. Eine übernachtung in der Zapport-Hütte wird unerlässlich sein, um genügend Zeit für den Aufstieg und ausgeruht für den Abstieg zu haben.

Auf dem Weg entlang des Flusses gibt es in alpinem Gelände manchmal eine einfachere Variante als den Bergweg. In Thusis habe ich ältere Einheimische nach einer einfachen Alternative durch die Via-Mala-Schlucht gefragt. Sie haben mir geraten, die alte, verkehrsarme Strasse bis Rongellen zu nutzen und von dort der Strasse weiter zu gehen bis zur Schlucht. Ich habe mir das notiert und auf der Karte vorgängig studiert und bin an Pfingsten 2014 mit meiner nicht schwindelfreien Cousine sicher und zügig vorangekommen. Es geht nicht um das Prestige, sondern darum, die Flussquelle sicher zu erreichen. Die Höhenmeter und Streckenkilometer werden auch auf breiteren Fahrwegen nicht geschenkt. Oft verläuft der Bergwanderweg in derselben Geländekammer wie die angenehmere Variante. Ich habe dies beim Aufstieg von der Auberge Sanetsch am Stausee bis zum Sanetschpass und Quellgebiet der Saane auch so gemacht. Den sportlichen Aufstieg von Gsteig zum Sanetsch-Stausee habe ich gut bewältigt, im Bewusstsein, nach Beendigung der Mission mit der Seilbahn hinunter fahren zu können.

Damit komme ich zum letzten Punkt meines Risikomanagements. Ich gehe immer von der Landesgrenze bzw. Flussmündung bis zur Quelle. Es ist sicherer, bergauf zu marschieren als bergab. Bergauf gehen stärkt den Kreislauf und schont die Gelenke. Leider gibt es nicht bei allen alpinen Flussquellen ein Postauto, wie beim Ticino, wo ich nach der Quelle zum Nufenenpass aufsteigen und das Postauto nehmen konnte. Manche Quellen erfordern einen heiklen Abstieg und entsprechende Planung.

Die Risikomanagement-Grundsätze der Bankbranche gelten auch hier: Risiken sind zu erkennen, zu bewerten, zu bewirtschaften (bzw. zu handhaben) und zu kontrollieren.
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