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Training
Die ärztlich verordnete Therapie reicht nicht aus, um mit einer Krankheit wie Multiple Sklerose einigermassen gut leben zu können. Es ist ein gerüttelt Mass an Eigeninitiative erforderlich. Ich habe mich entschieden, ohne medikamentöse Therapie zu leben. Die angebotenen Medikamente bergen das Restrisiko letaler Krankheiten wie Depression, Hirnhautentzündung, Herzinfarkt oder Hirnschlag. Lieber tausend Mal und noch mehr auf den Uetliberg gehen als ein solches Medikament zu nehmen! Ich habe von Betroffenen erfahren, dass sie nach Jahren der Nutzung ein solches Medikament wegen Unverträglichkeit absetzen mussten und sie eine Zukunft mit ungewisser medikamentöser Behandlung verunsichert hat.

Ich erhalte einmal pro Woche Physiotherapie in der Klinik Lengg. Weil ich praktisch alles selbständig üben kann, nutze ich die Gelegenheit und die vielfältigen Trainingsmittel, um für mich noch etwas länger zu üben. In der Klinik kann ich mit dem Balancebrett Sipoba, dem Kreisel, dem Wackelbrett das Gleichgewicht verstärkt trainieren. Gerne klettere ich an der Kletterwand herum. Das Klettern fordert den Körper umfassend. Hinzu kommt die wöchentliche Hippotherapie mit meiner vierbeinigen Therapeutin Glédi.

Ich turne jeden Morgen fast eine Stunde lang in meinem Wohnzimmer. Ich variiere verschiedene Dehn- und Koordinationsübungen. Für die Stabilität sind ein gut trainiertes Becken und Rumpf entscheidend. Ich habe selber eine wirksame übungskombination im Schneidersitz sitzend entwickelt. Seit einigen Jahren übe ich jeden Tag, vom Boden aus aufzustehen. Ich kann dies allen empfehlen. Immer wieder erfahre ich von älteren Menschen, dass sie nicht mehr vom Boden aus aufstehen können. Dies ist gefährlich. Vielleicht kann die Fähigkeit dank täglichem Training bis ins hohe Alter beibehalten werden. Nach jahrelanger Therapie habe ich mir ein riesiges Repertoire an Gymnastikübungen angeeignet. Ich schliesse oft meine Pflichtübungen mit etwas Jonglieren als Kür ab. Spass gehört zur Arbeit. Erst nach dem Turnen folgen Körperpflege und Frühstück. Wenn ich auf einen meiner Märsche gehe, habe ich ein Kurzprogramm mit Gymnastikübungen, um meinen Körper nach der Nacht zu starten. Es ist klar, dass ich Frühaufsteherin bin.

Im Alltag laufe ich regelmässig durch die Stadt. Ich habe mein Fusswegnetz sowie eine Art „Fussweg-Fahrplan“.  Das ist ein günstiges Alltagstraining.

Der Uetliberg ist mein lieber Sparringpartner. Ich bin bestimmt eine gute vierstellige Zahl mal auf ihn gestiegen. Mein Lieblingsweg ist der Denzlerweg mit den ungefähr 860 Stufen, die ich einmal gezählt habe. Als Dessert folgt der Turm mit 136 Treppenstufen. „Es muss einfahren“, hat mir einmal ein starker Läufer gesagt. Gerne absolviere ich auch Laternenweg und Föhreneggweg als steile Wege, wenn der Boden mir am Denzlerweg zu glitschig ist. Der Denzlerweg ist gut als Vorbereitung für die Bergwege in alpinem Gelände. Der Weg von Arth-Goldau auf den Rigi-Kulm ist eine ideale Vorbereitungsroute, um Höhenmeter zu trainieren. Ich kann dort gegen 1300 Höhenmeter steigen. Ich bin bereits klar vor Mittag auf der Alp Chäserenholz im gemütlichen Alpbeizli von Franz-Anton Kennel bei einer Käseschnitte oder einem riesigen Alpkäse samt Süssmost.

Übrigens: Die rot-weiss-roten Bergwanderwege sind ein ideales Trainingsmittel um Rumpf, die Fussgelenke und die Koordination vertieft, intensiv zu trainieren. Idealerweise bereite ich mich mit leichteren Bergwanderweg-Touren auf anspruchsvolle Touren, auf die finalen Etappen zu den alpinen Flussquellen zu. Während vielen Jahren habe ich aus Unsicherheit die weiss-rot-weissen Bergwanderwege gemieden. Sie sind jenseits meiner Möglichkeiten gewesen. Die Flüsse haben mich motiviert, verschüttete Fähigkeiten wieder zurück zu kämpfen. Dies ist dank meinem seriösen Basistraining und die Umstellung auf einen Leistungssport-Lebensstil möglich gewesen. Es ist auf den ersten Bergwegstrecken etwas wie aus tiefem Untergrund allmählich in mir angeklungen - und mit immer mehr tausend Schritten habe ich wieder etwas davon gefühlt, wie es einmal gewesen ist.  

Auch mir wird nichts geschenkt und ich muss immer wieder nachschleifen. Beim Schneeschuhlaufen am Neujahrstag 2015 auf der Rotenflue ob Schwyz haben sich Defizite gezeigt und meine Freundin Carolin Heitz, die selber Physiotherapeutin ist und Dozentin an der Fachhochschule, hat mir geraten, fleissig Treppen zu laufen. Seither laufe ich täglich 1‘000 Treppenstufen in meinem Wohnhaus. Ein oder zwei Stockwerke pro Tag absolviere ich mit jeweils zwei Treppentritten pro Mal. Regelmässig schleppe ich den schweren Rucksack von meinen Einkäufen alle neun Stockwerke hinauf. Manchmal wiegt der Rucksack sieben, acht Kilos. Das stärkt Becken und Beine wirksam. Ich bin glücklich, dass es neun Stockwerke und einen Lift zum Hinunterfahren gibt.

Seit meiner Krise im Spätsommer/Frühherbst 2016 habe ich meinen verstaubten Hometrainer revidieren lassen und aktiviert. Zwei- bis dreimal pro Woche jeweils eine halbe Stunde stärkt Rumpf und Beine und hilft mir, den spastischen Tick im rechten Oberschenkel wegzutrainieren.

Ich habe im Frühjahr 2015 angefangen, abwechselnd möglichst lange auf einem Bein zu stehen, wenn ich auf Tram, Bus oder Bahn warte. Es kümmert mich nicht, was die Leute um mich herum denken. Sie können es ja auch machen.

Ich übe täglich besonders, um meine Fussgelenke zu stärken. Das Dehnen von Achillessehne und Kniegelenk dient der Prävention. I hopse in meiner Stube herum, um Sprungkraft und Schnellkraft zu fördern. Ich muss auf das rechte Knie achten, dessen Kniebänder bereits einmal so entzündet gewesen sind, dass ich samstagabends in den Notfall des Triemli-Spitals gehumpelt bin. Voltaren Forte habe ich immer zu Hause.

Wenn ich das Wohnhaus verlasse, gehe ich auf dem Weg zur Strasse im Storchenschritt. Ich muss besonders trainieren, damit ich die Füsse genügend hoch hebe, um beim Gehen das Schleifen am Boden oder gar Stolpern zu vermeiden.

Winterwandern ist ein hoch wirksames Training der Koordination, Kraft und Ausdauer zusammen. Ich wandere gerne auf verschneiten Wanderwegen. Es gibt in der Schweiz ein riesiges Netz von gut präparierten Winterwanderwegen. Ich habe im Januar und Februar 2015 entlang des Inns von Sent bis Maloja Winterwandern und Flussmarsch kombiniert. Immer wieder gehe ich gerne nach Braunwald, wo mit steilen Aufstiegen vom der Bergstation der Standseilbahn bis Seblengrat oder Gumen zusätzlich Höhenmeter trainiert werden können. Im Spätsommer 2016 ist es mir schlecht gegangen und ich habe für den rechten Fuss einen Fussheber, d.h. eine Verstärkungsbandage, benötigt. Ich habe deshalb das Angebot von Eliza aus Einsiedeln zum Schneeschuhlaufen gerne angenommen. So habe ich mit ihr im Winter 2017 Schneeschuh-Laufen dürfen und sie hat mir ihre Schneeschuhe für ein verlängertes Wochenende ausgeliehen. Danach habe ich mir endlich selber Schneeschuhe gekauft. Sie zwingen mich dazu, breiter zu laufen und die Beine konsequent zu heben. Dies stärkt Beine, Becken und Rumpf enorm. Nach zwei bis drei Stunden bin ich nudelfertig. Aber die positive Wirkung ist im Alltag spürbar.

Ich bin darauf angewiesen, dass mich das Therapieteam immer wieder korrigiert oder mir neue übungen beibringt. Abwechslung im Training ist notwendig. Ich arbeite daran, mich bezüglich Geschicklichkeit, Kraft, Ausdauer und Geschwindigkeit zu steigern.

Früher bin ich oft Schwimmen gegangen. Wegen meines Immunsystems vermeide ich die feucht-warmen Hallenbäder mit ihren vielen Viren und Bakterien. Ich habe früher einige Male am Limmatschwimmen teilgenommen und ebenfalls die Seeüberquerung absolviert. Nach meiner Kniebänderentzündung habe ich mich mit Aquafit aufgebaut.

Machen die vielen Trainings samt den ausdauernden Märschen müde? Sie fördern grundsätzlich die Wachheit, Konzentration und Ausdauer. Ich kann dadurch lange Sitzungsmarathons, Fachtagungen und stundenlanges, konzentriertes Aktenstudium gut absolvieren. Die Bewegung fördert ebenfalls das Gedächtnis. Dieser Lebensstil beugt der bei MS-Patientinnen und -Patienten gefürchteten „Fatique“ vor. Ich komme mir manchmal wie ein aufgezogenes Kind vor.
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