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Albula Logbuch

von Liliane Waldner


Einführung in die Albula

Die Albula ist der grösste Nebenfluss des Hinterrheins. Sie entspringt auf 2‘037 m.ü.M. bei Igls Plans unterhalb des Albulapasses und sie mündet auf 652 m.ü.M. bei Fürstenaubruck nahe Thusis  in den Hinterrhein. Sie ist 39,9 Kilometer lang.

Mehr über die Albula auf:
https://de.wikipedia.org/wiki/Albula_(Fluss)

16. Juli 2016: Sils im Domleschg - Tiefencastel

Ein richtiger Konditions- und Härtetest steht heute nach meiner Tiefphase mit muskulären Verhärtungen an. Die Strecke Thusis - Tiefencastel ist die längste Etappe auf der Via Albula sowie im Rahmen meines Albula-Projektes. Sie misst 20 Kilometer und dauert laut Schweiz Mobil sieben Stunden und fünf Minuten. Ich starte in Sils im Domleschg, weil ich dort im Rahmen des Rheinprojektes auf dem Weg von Fürstenaubruck nach Sils  und weiter nach Thusis die Albulamündung ausgekundschaftet und fotografiert habe. Es ist logisch, dass ich in Sils wieder anknüpfe und so mit meinen Füssen das Albula-Fluss-System mit dem Hinterrhein verbinde.

Es ist kühl, als ich bei der Bushaltestelle Cumparduns aussteige. Ich laufe zur Brücke und von dort der Albula entlang hinauf. Hoch oben blickt die Burg Baldenstein hinab. Ich passiere das EWZ-Kraftwerk. Bezüglich der dominanten EWZ-Kraftwerk-Präsenz in dieser Gegend fühle ich mich in einer Art Aussenquartier Zürichs, das hier alpinen Charakter hat. Ich überquere nach dem Kraftwerk die Albula und gehe ein Stück weiter hinauf, bis das Schild zum Alten Schin und Muldain abzweigt. Danach muss vom breiten Weg in den ersten, steil rechts nach oben gehenden Pfad mit den kleinen, verwitterten Treppenstufen am Anfang abgezweigt werden.

Dieses steile Wegstück bis zum Punkt 965 m.ü.M. und zur Einmündung in den bequemen, „Alten Schin“ treibt mir den Schweiss aus den Poren und bringt meine salznassen Augen zum Brennen. Der Pfad ist mit Wurzeln und Steinen sowie einzelnen, hohen Tritten versetzt. Er ist teilweise stark mit Buschwerk verwachsen. Lange Hosen sind wegen der stachligen Pflanzen empfehlenswert. Der Weg wird beim Weiler Parnegl durch ein kurzes Strassenstück unterbrochen. Ein junger Mann, der mich später beim Abstieg von Muldain überholt, sagt mir, er habe gedacht, dieser Weg wolle nie aufhören. Wenn ein gesunder, junger Mann, der flott Richtung Septimer und Bergell zustrebt, dies sagt, dann ist meine Anstrengung nicht einfach durch Alter und MS bedingt gewesen.

Ich habe mir meinen Leckerbissen, den historischen Handelsweg „Alter Schin“ hart abverdient. Es hat viel Substanz gekostet. Ich raste auf Baumstämmen, kurz nach der Einmündung in den Alten Schin und geniesse es, die Biker vorbeirauschen zu sehen. Von jetzt an muss ich nur noch bis Tiefencastel durchhalten, ist es eine Kopf- und Willenssache sowie der Taktik mit mehreren, kurzen Trink-Pausen unterwegs.

Der Alte Schin bietet Tiefblicke in die Schlucht sowie auf den smaragd-blauen Solis-Stausee. Das Herzstück ist die in Felsen gehauene Phase mit dem solar beleuchteten Fussgänger-Tunnel. Rastplätze mit Feuerstellen laden zur Rast ein, jene gegen Muldain zu ist ganz angenehm gelegen. Als ich bei Muldain aus der Schlucht hinauskomme, versetzt mich die Landschaft in Hochstimmung. Vor mir sehe ich die ganze Struktur mit der Teilung der Täler zum Julier/Septimer, Albula sowie zur Lenzerheide. In der Mitte erhebt sich das weiss funkelnde Massiv mit Motta Palousa und Piz Mitgel. Alle Anstrengungen, meine verkrampften und verhärteten Beine wieder herzustellen, zu dehnen bis zum Zähne beissen, lohnen sich für solch erhebende Momente.

In Muldain fülle ich meine Flaschen  mit frischem Brunnenwasser und trotte gemächlich nach Alvaschein hinunter. Auf dem Schluss-Stück nach Tiefencastel besuche ich die Abtei San Pedar in Mistail, tief in der waldigen Schlucht unten. Hühner und Truthähne bevölkern das Gelände der aus karolingischer Zeit stammenden Kirche mit ihren uralten Fresken. Sie gilt je nach Quelle als Kraftort. Ich wundere mich über Getreide-Garben, die bei einer Tür sorgfältig aufgereiht sind. Was bedeutet dies? Von dort ist es nicht mehr weit zum Tagesziel Tiefencastel, wo ich pünktlich den Regio-Express erreiche.

Als einfache Tour kann der erlebnisreiche „Alte Schin“ von Scharans bis Muldain begangen werden, nach Wunsch mit Fortsetzung via Zorten in die Lenzerheide.


Links:
http://www.viasett.ch/sites/?lang=DE&id=232&id2=2
http://www.baukultur.gr.ch/de_DE/address/kirche_st_peter_mistail.24525
http://www.myswitzerland.com/de-ch/kirche-st-peter-ein-heiliger-ort-kraftort.html
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18. Juli 2016: Tiefencastel - Filisur

Die heutige Etappe dauert laut Wanderwegschild drei Stunden. Schweizmobil bezeichnet sie in der Schwierigkeit als mittel. Nach der Begehung ist der weiss-rot-weisse Weg einer der leichteren Art und würde im Tessin als gelber Wanderweg durchgehen. In Tiefencastel vereint sich die Julia oder Gelgia mit der Albula, aber ich kann auf meinem Weg die Mündung nicht einsehen. Vielleicht gelingt es mir, wenn ich im Zuge des kommenden Julia-Projektes auf den Hügel mit der markanten Kirche in der Mündungs-Landzunge steigen werde.

Die Strecke bis Surava ist ein schmaler Pfad mit leichtem Auf und Ab sowie einigem Wurzelwerk und Steinen. Da gehe ich nicht rasch, sondern eher behutsam. Stege erleichtern die Passage der Stellen mit felsigen Hängen. An einer Stelle haben heruntergestürzte Steinbrocken zwei Planken herausgerissen. Ich vermeide es, diese Schadstelle zu fotografieren. Wo etwas hinuntergerumpelt ist, kann nochmals etwas kommen: Also zügig weitergehen!

Bei Surava wird der Weg breit und ich drehe jetzt richtig auf. Zwischen Surava und Bad Alvaneu liegt ein Rastplatz, der als Mittelpunkt Graubündens bezeichnet wird. Auf der dortigen Waldlichtung haben St. Galler Jugendliche ihr Ferienlager aufgeschlagen. Die meisten Jugendlichen sitzen im zentralen Tipi. Ich raste auf der Bank auf der anderen Wegseite, denn etwas „plägern“ würde auch mir gut tun. Die Jugendlichen haben den Eingang zu ihrem Lager witzigerweise mit Gefängnis beschriftet.

Heute ist es wärmer in Bad Alvaneu als letzten Spätherbst, als beim Start des Landwasser-Projektes Raureif die Wiesen bedeckte. Das Bad auf der anderen Uferseite verbreitet seinen schwefligen Geruch. Bei Zinol fliesst die Landwasser in die Albula. Von dort erblicke ich den mächtigen Landwasser-Viadukt. Heute widme ich mir genügend Zeit, das mit hohem Gras sowie an den Uferstreifen dichtem Gehölz versehenen Mündungsdreieck zu erkunden. Ich will ein Foto des Fluss-Zusammenschlusses schiessen. Ich finde eine Spur durch das hohe Gras zum Landwasser-Ufer. Dort bedeckt an zwei Flecken feiner Sand das Ufer. Von dort schreite ich vorsichtig das Ufer-Gehölz ab, bis ich eine weitere Spur zu einem Holz-Gestell am Ufer erblicke. Ich folge ihr auf holprigem Grund vorsichtig und finde eine Lücke, um die Mündung aufzunehmen.

Dieser Streifzug hat einige Zeit gekostet, so dass ich heute nicht wieder zum Landwasser-Viadukt gehe, sondern direkt Filisur zustrebe. So kann ich auf dem Weg zum Bahnhof das Dorf besser kennenlernen, durch das ich unzählige Male durchgefahren bin oder umgestiegen bin. Ich will Käse in einem Hofladen kaufen. Der Schreiner-Meister, den ich zuerst frage, weiss nichts, aber die Frauen, die auf der schattigen Bank vor dem Gemeindehaus sitzen und plaudern, wissen Bescheid. Zuerst versuche ich es beim Hofladen, der für seine Glacés bekannt ist. Alles ist dicht und liegt in tiefem Mittagsschlaf. Zurück im Dorfzentrum empfiehlt mir eine der Frauen den Hofladen oberhalb der Kirche. Also geht es etwa zwei- bis dreihundert Meter in die gegengesetzte Richtung. Im Bio-Hofladen liegen jedoch nur hausgemachte Salsize im Kühlschrank. Der Alpkäse ist ausgegangen. Ich schnappe mir einen, lege das Geld in die Kasse. Dann geht es noch rasch für Brötchen und mein Quöllfrisch in den Coop auf der entgegengesetzten Dorfseite und danach eilenden Schrittes den steilen Fussweg hinauf zum Bahnhof. So ist es auch möglich, ein pittoreskes Dorf kennen zu lernen.

Links:
http://www.bad-alvaneu.ch/bad-alvaneu/portrait.html
http://www.filisur.ch/geschichte/
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22. August 2016: Filisur - Bergün

Vom Bahnhof gehe ich zuerst zum Bio-Bauern und kaufe Alpkäse im Hofladen. Dann laufe ich auf der Hauptstrasse das Dorf hinaus und hinunter zum Holzbetrieb am Albula-Ufer, wo ich in den Wanderweg gelange. Von dort geht es entlang des Ufers in der Morgenfrische flott bis Bellaluna. Dieses ehemalige Restaurant steht zum Verkauf. Ein St. Galler Auto kreuzt auf, verschwindet kurz wieder und kehrt zurück. Es hält und die Tür öffnet sich. Ich frage den Fahrer spasseshalber ob er das kaufen wolle. Er antwortet, dass er zur Alp Prosot will. Ich erinnere mich, dass der gekaufte Käse aus der Alp Prosot stammt. Wir finden sie und das richtige Strässchen dahin auf meiner Wanderkarte. Die beiden Herren im Auto verabschieden sich dankend.

Danach geht es eine kurze Weile auf und ab. Die leichtere Route geht auf der gleichen Seite der Albula bis Bergün. Die anspruchsvollere des Eisenbahn-Themenweges überquert Albula und Strasse und steigt nach dem Steinbruch auf einem extrem steilen, schmalen Pfad entlang eines Geröllfeldes bis zur historischen Station Stuls oder Stugl hinauf. Teils reicht das Geröllfeld bis in den Weg hinein. Steile Kehren sind abgeschliffen und praktisch trittlos. Ich bin um eine Wurzel sowie einen stabilen Felsblock dankbar, um mich daran hinaufzuziehen und nach ausgewaschenen Steilstücken wieder Tritt zu fassen. Nach einer Stunde erreiche ich endlich die Station Stuls mit ihrem Rastplatz. Zeit zur nötigen Kräftigung. Ich geniesse die Aussicht.

Der Weg würde jetzt auf schmalem Pfad über Stock und Stein weiter gehen. Ich kann mich nach dem Effort nicht mehr voll konzentrieren. Ich steige lieber 50 Minuten und 200 Höhenmeter ins Dorf Stuls auf. Die erleichterten Beine danken es mit lockerem, zügigem Schritt auf dem bequemen Forstweg. In Stuls fülle ich meine Flasche am Brunnen nach. Danach geht es auf einem Nebensträsschen, das nach der Abzweigung nach Latsch autofrei ist, nach Bergün hinunter. Dort kaufe ich im Volg ein Alpin Grain der Brauereigenossenschaft aus Thusis, etwas Aprikosen und bei der Bäckerei daneben Vollkornbrötchen. Zusammen mit dem Alpkäse ist der feine Zabig für die Heimfahrt fertig.

Als Attraktion in Bergün informiert das Bahnmuseum über die Geschichte der Albula-Bahnlinie, die UNESCO-Weltkulturerbe ist.

Die offizielle Wegzeit Filisur - Bergün ist dreieinhalb Stunden. Ich habe wegen des anspruchsvollen Aufstieges nach Stuls bzw. Stugl Station viel länger benötigt. Dafür bleibt das Geröll-Meer immer in meinem Gedächtnis haften, wenn ich mit der RhB bei dieser kleinen Station vorbeifahren werde. Von der Bahn aus ist das viele Geröll nicht sichtbar, weil es unter einem Tunnel liegt, dafür der Tiefblick nach Bellaluna, der einen Eindruck über die Steilheit des zu meisternden Aufstiegs gibt.

Links:
https://www.rhb.ch/de/freizeit-ausfluege/abenteuer-sport/bahnerlebnisweg-albula
http://www.bahnmuseum-albula.ch

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23. August 2016: Bergün - Preda

Nach gutem Schlaf zu Hause und kräftigem Frühstück-Picknick im Zug kehre ich am anderen Morgen frühzeitig nach Bergün zurück. Ich fülle meine Trinkflaschen am Dorfbrunnen. Das ist ein köstliches Getränk. Der Weg entlang der Albula beginnt einfach bis hinauf zum wunderbaren Rastplatz samt Feuerstelle. Dort trinke ich einige kräftige Schlucke und nehme einen Traubenzucker.

Von da an steigt der Bergweg in steilen Kehren und über hohe Tritte über Steine und Wurzeln hinauf. Dieser Teil über Alpweiden und durch Waldstücke ist einfach. Danach kommt eine luftige, felsige sowie anspruchsvolle Passage. Ich kreuze eine Dame, die den Weg als sehr schwer bezeichnet. Er fordert und meine Hände müssen mehrmals nachhelfen. Eine Stelle ist mit Ketten gesichert, die ich dank Stöcken und Aufwärtsbewegung nicht benötige. Dann kommt ein Geländer, das ich gerne beanspruche, denn der Fels ist schräg und wegen des vielen Fuss-Verkehrs gut poliert, teils leicht feucht. Die hohen Treppen und der Steg sind gut angelegt. Sehr steil geht es hinab zur Querung eines kleinen Wasserfalles. Ein deutscher Koch aus Bergün hilft mir bei einem kurzen Steilstück bis zum felsigen Bachbett hinunter. Danach ist das gröbste gemeistert. Es geht nochmals steil hinauf und der Bergweg normalisiert sich wieder. Ich raste weiter oben auf einer Bank.

Danach folgt die imposante Arena mit den Kehrtunnels und Eisenbahnviadukten. Ich habe an einer Stelle Glück, dass ich einen Güterzug beim überqueren eines Viaduktes fotografieren kann. Der Weg geht noch etwas über Stock und Stein und am Schluss noch unter einem Viadukt hindurch, danach steil hinauf. Bald gelange ich auf einen breiten Weg und kann Preda entgegenstreben. Der Bahnhof ist von einem riesigen Werkgelände samt Infopavillon für den Bau der zweiten Röhre des Albula-Tunnels umgeben.

Die offizielle Wegzeit Bergün - Preda ist etwa zweieinhalb Stunden. Es ist ratsam, sich auf eine längere Zeit einzustellen.
Links:

https://www.rhb.ch/fileadmin/user_upload/redaktion/Ueber_die_RhB/Unternehmen/Dokumente/Albulatunnel_II/Informationsflyer_Neubau_Albulatunnel.pdf

http://werkstattatlas.info/news/unternehmensnachrichten/210-geschaeftsberichte/2014/12786-neubau-albulatunnel-grosses-investitionsvolumen-bei-der-rhb.html
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27. und 28. August 2016: Preda - La Punt

Vor dem Start in Preda schaue ich nochmals kurz in den Albula-Infopavillon, wo ich eine andere Stelle des Videos über die Bahngeschichte sehe. Dann mache ich mich zuerst auf den steilen Aufstieg zum Palpuegna-See. Er steht unter Naturschutz und es besteht ein Bade-Verbot. Viele fahren mit dem Auto hinauf, laufen um den See und machen an einem der Plätze Picknick. Beim offiziell eingetragenen Rastplatz legen zwei Angler ihre Rute aus. Sie haben früher Saiblinge oder sogar eine Regenbogenforelle gefangen. Ich raste kurz und plaudere mit ihnen.

Dann folgt der sehr steile Aufstieg zur Crap Alv, die aus dem Romanischen übersetzt weissen Stein bedeutet. Ich habe eine kurze felsige Partie zu bewältigen. Die ETH betreibt dort eine alpwirtschaftliche Forschungsstation Alp Weissenstein. Daneben erstreckt sich das Gebiet Igls Plans, eine Hochebene mit Weihern auf der Rindviecher weiden. Ich trinke am Brunnen vor der Forschungsstation und fülle meine Flasche nochmals. Ab dort folgt die ansteigende Hangtraverse zum Pass. Beim ersten Geröllfeld oberhalb des grossen Weihers kommt eine so steile, trocken rutschige und schmale Stelle, dass ich nicht Tritt fassen zu finde, ebenfalls keinen stabilen Stein oder Wurzel, um mich hoch zu ziehen. Vorsichtig steige ich wieder zur Forschungsstation ab und gehe die letzten wenigen Kilometer der Strasse entlang zum Pass. Ich will dank der Alternative nicht zu viele Risiken eingehen. Relevant ist, die Ziele mittels Muskelkraft zu erreichen. Ich habe die Hochebene erreicht, wo sich die Albula-Quellbäche vereinen.

Von der Pass-Strasse aus sehe ich nochmals auf Igls Plans hinab. Zu Hause habe ich beim Online-Kartenstudium geplant, auf dem nicht mit Wanderwegzeichen, aber auf der Karte eingetragenen Weg der Ebene entlang zu gehen und auf dem Weg via dem steileren, teils mit Geröll durchgesetzten Hang aufzusteigen. Von oben sehe ich, dass der Weg durch das Geröll dort viel breiter und sicherer machbar gewesen wäre. Jetzt habe ich fast die Pass-Höhe und erreiche nach kurzer Zeit Albula-Hospiz.

Der Weg von Preda nach La Punt würde offiziell etwa viereinhalb Stunden dauern. Wegen meiner behinderungsbedingten Langsamkeit plane ich die übernachtung dort ein. Ich habe jetzt den 40. Fluss abgelaufen. Das ist ein Jubiläum. Jetzt geht es darum, die erste Strebe in mein Fluss-System einzubauen: Die Verbindung des Rhein- mit dem Inn-Fluss-System.

Ich geniesse den Zvieri auf der Terrasse des Hospizes. Der Hotelier Hans-Peter Strickler betreut mich als Einzelgängerin aufmerksam.   Ich habe Glück: Ich darf allein im Sechserzimmer mit den drei Doppelstock-Betten schlafen. Eine Velofahrer-Familie belegt andere Räume. Nach dem Duschen sitze ich noch auf der Terrasse, unterhalte mich mit den Angestellten, die bereits Feierabend haben und geniesse die Abendstimmung. Zu Nacht wähle ich Salat und Pizokel nach Veltliner Art aus. Der Koch ist ein Veltliner.

Ich erhalte einen Eindruck von der langen Arbeitszeit des Hoteliers Hans-Peter Strickler. Er ist bereits im Rentenalter und in der Gastronomie in der Welt herumgekommen. In den USA hat er einen Betrieb mit vielen Angestellten und 6‘000 Mahlzeiten täglich geleitet. Zurückgekehrt in seinen Heimatort La Punt ist er gebeten worden, das Hospiz zu übernehmen. Zum Hotel-Restaurant gehört auch ein Souvenir-Kiosk. Während fünf bis sechs Monaten ist der Betrieb offen und da arbeitet er 15 bis 16 Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche.

Nach dem Essen sitze ich wieder draussen und geniesse Ruhe und Nachthimmel. Über mir funkeln die Sterne, in süd-östlicher Richtung flackert ein Wetterleuchten und beleuchtet grell die Bergflanken. Von Zeit zu Zeit poltern Felsbrocken an einem Hang hinunter.

Der Tag erwacht wieder prächtig. Kurz nach acht Uhr tauchen die ersten Motorradfahrer sowie auch Lady Riders zu Kaffee und Gipfeli auf. Einer der Töff-Fahrer sagt: „Zwei Pässe frühmorgens, wenn ich die Strassen für mich habe und um zehn Uhr zu Hause. Dann kommen die Raser.“  So würde ich es auch halten - als Lady Rider. Ich esse ebenfalls draussen in der bereits wärmenden Sonne Frühstück. Herr Strickler sagt, es sei das erste Mal, dass es dieses Jahr möglich sei. Er und sein Team werden auch heute voll gefordert sein.

Ich steige über Alpweiden gegen La Punt ab. Rinder kreuzen scharenweise meinen Weg. Der Albula-See ist leider ausgetrocknet und nur noch auf der Karte eingezeichnet. Dort, wo mir der Weg zu stutzig hinab geht, weiche ich auf die Strasse aus, denn er streift immer wieder die Strasse. So geht es allmählich La Punt entgegen und wird es immer wärmer. Das erste Haus ist der Albula-Hof, ein Bio-Hof samt Hofladen. Dort decke ich mich mit Bio-Produkten für den Zabig auf der Bahnfahrt ein. So feiere ich den Fluss Nummer 40 und die Verbindung des Rhein-Systems mit dem Inn. Mein Fuss-Wegsystem entlang der Flüsse erstreckt sich ab heute von zu Hause in Zürich bis nach St. Moritz und Maloja.

Bevor es etwas zu feiern gibt, gilt es, ins Dorf abzusteigen und auf die Inn-Brücke zwischen La Punt und Chamues-ch zu gehen und das „Beweis-Bild“ zu knipsen. Dort war ich im Winter 2014 auf meiner Inn-Route und musste im eisigen Brücken-Bereich aufpassen.  

Links:
http://www.chamau.ethz.ch/alpweissenstein.html
http://www.lapunt.ch/index.php?id=53
http://www.albulahof.ch
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