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Hinterrhein Logbuch

von Liliane Waldner

Einführung in den Hinterrhein

Der Hinterrhein ist 62 Kilometer lang. Er entspringt im Gebiet Ursprung unterhalb des Rheinquellhorns und Rheinwaldhorns auf 2‘400 m.ü.M. und mündet auf 590 m.ü.M. bei Reichenau in den Vorderrhein, wo er mit seinem Bruderquellfluss den Rhein bildet. Er fliesst ausschliesslich durch den Kanton Graubünden.

Mehr über den Hinterrhein auf:
https://de.wikipedia.org/wiki/Hinterrhein
15. Februar  2014: Bonaduz - Thusis
Bei mildem Föhnwetter stosse ich in das Schlössertal Domleschg vor. Das Schloss Rhäzüns ist im Eigentum von Christoph Blocher. Er stellt sich offenbar die Schweiz in der Welt so vor wie sein Schloss: Erhaben und allein auf einem Felshügel, der von der offenen Landseite mit einem Graben getrennt ist. Ein Schild mahnt, dass das Befahren und Begehen des Schlossgeländes verboten ist. Das Schloss Rietberg von alt Nationalrat Andrea Hämmeresteht zwar auch erhöht, aber es macht einen hellen, freundlichen Eindruck. Als ich vor Jahren auf einem Quartiervereinsausflug im Car durch das Domleschg fuhr, frotzelte der Chauffeur, dass die Fensterläden des Schlosses von Hämmerle immer geöffnet seien, jene des Schlosses von Blocher jedoch verschlossen.

Nach dem Schloss Rhäzüns folgt ein schmaler Pfad durch die schluchtartige Partie, die sich gegen die Station Rothenbrunnen weitet. Als ich flott dem breiten Weg entlangstrebe erblicke ich, wie neben mir im Wald ein Reh blitzschnell in meine Gegenrichtung rennt und von einem Hund verfolgt wird. Ich erschrecke und fürchte um das Reh, als der Hund abdreht. Ich rufe in den Wald: Hundebesitzer, hallo! Ich höre von Ferne eine Stimme und schreie: Hundebesitzer, rufen Sie ihren Hund zurück, nehmen Sie ihn an die Leine! Der Hund läuft zuerst Richtung Ufer, verschwindet dann aus meinem Blickfeld. Auch vom Besitzer höre ich nichts mehr, als ich rufend frage, ob er verstanden habe. Die beiden haben offenbar Grund, zu verduften.

Nach der Station Rothenbrunnen komme ich beim Kraftwerk Zervreila vorbei. Ich erinnere mich, dass dieses Kraftwerk in der EKZ-Kommission  Martin Moosdorf zugeteilt war. Er schwärmte von seinen Besuchen in Zervreila. Mir „gehörte“ das Kraftwerk Wägital.

Kurz vor der Station Realta-Rodels ist Zeit für die Teerast. Dann wechsle ich zum anderen Ufer, um die Albula-Mündung bei Früstenbruck gut beobachten zu können. Neben der Autobahn liegt ein riesiger Felsbrocken, der vom riesigen Felssturz in der Rheinschlucht aus Urzeit stammt. Ich gehe bis zur Flussmündung, so dass ich sie gut fotografieren kann und folge bis zur Brücke über die Albula. Vor der Brücke ist Teerast. Danach überschreite ich Brücke und Landspitze zwischen den Flüssen und gelange bei einer weiteren Brücke flussaufwärts über den Hinterrhein. Von dort geht es hinauf nach Thusis. Der düstere Eingang zur Via Mala ragt im Talende empor. Ich frage einheimische, ältere Leute, wie ich als MS-Betroffene am besten durch die Schlucht nach Zillis und Andeer gelange. Der klassische Via-Mala-Weg ist steil, was mir egal ist, aber er ist angeblich stark ausgesetzt. Ich suche dann bewusst sichere Alternativen. Mir wird geraten, von der Brücke her über den Kreisel bei der Migros zu gehen und danach hinab zum Hotel Beverin. Von dort wird mir die alte Strasse nach Rongellen empfohlen. Diese Strasse sei autofrei. Nach dem Restaurant Rongellen könne ich in die Schlucht absteigen und zum Aussichtspunkt gehen. Später könne ich diese autofreie oder verkehrsarme Strasse bis Andeer folgen. Das ältere Ehepaar zieht diese Strasse selber dem steilen Fusspfad vor.

Jetzt ist jahreszeitlich bedingt vorderhand Schluss. Ich komme im späten Frühling und Sommer wieder zurück.

Links:
http://www.viamala.ch/de.cfm/erlebnisse/wandern/wandervorschlaege/offer-WandernVM-WandervorschlaegeVM-269765.html
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Wirbel in der Via Mala
8. Juni 2014: Thusis - Andeer

Der heisseste Pfingstsonntag seit Aufzeichnung der Wetterdaten ist für Gisela und mich goldrichtig, um die kühle Via Mala Schlucht aufzusteigen. Ich befolge die mir im Winter von Einheimischen gemachten  Ratschläge und marschiere mit Gisela nach der grossen Strassenkreuzung das verkehrsfreie Strässchen entlang. Wir kommen an einer Zentrale der Kraftwerke Hinterrhein vorbei und ich erinnere mich, wie ich für meine Chefin Dr. Emilie Lieberherr jeweils die Unterlagen für die Verwaltungsratssitzungen studiert und vorbereitet habe. Sie war die erste Strombaronin in der Schweiz.

Wir geniessen den kühlen Schluchtzugang entlang des Rheines. Während anderthalb Kilometern wird vor Steinschlag gewarnt. Danach steigt der Fahrweg bald auf die Kantonsstrasse sowie ein Restaurant auf. Danach führt ein anfänglich breiter Wanderweg tiefer in die Schlucht sowie über eine Brücke. Nach kurzer Zeit müssten wir einen steilen, ausgesetzten Pfad aufsteigen. Wir kehren um und folgen der Kantonsstrasse bis zum offiziellen Via-Mala-Schlucht-Eingang. Diese Route gilt als gelber T1-Wanderweg und im Tunnel gibt es einen erhöhten Fussweg-Streifen entlang der Wand.

Für die Schluchtbesichtigung kostet der Eintritt für mich CHF 8.00 und für Gisela mit dem Begleitausweis CHF 6.00. Vorher genehmigen wir uns auf der Terrasse einen echt guten Cappuccino, zu dem wir je ein selbst gebackenes Marmor-Gugelhopf-Stück verzehren.  Danach steigen wir den gut angelegten Treppenweg in die Schlucht hinab, wo der Hinterrhein an der engsten Stelle smaragdgrün durch die Schlucht fliesst. Er hat sich über die Jahrtausende hunderte von Metern durch steile Felswände tief eingegraben. Bei einem Fels und kleinen Wasserfall verwirbelt der Fluss sein Wasser wie in einem Whirlpool. Tafeln berichten über Geschichten, Legenden und Sagen über die Via Mala Schlucht. Eine solch wuchtige Landschaft regt zu dramatischen Ereignissen an.

Nach der Schlucht folgen wir weiter die Kantonsstrasse bis nach Rania. Unterwegs erblicken wir in der Tiefe die Travestiner Brücke. Bald nach Rania steigt ein breiter, gekiester Wanderweg in weiten Kehren durch Wälder und entlang von Alpweiden nach Reischen. Dort können wir am Brunnen frisches Wasser trinken und unsere Flaschen auffüllen. Von dort ist es nicht mehr weit nach Zillis. Wir rasten auf den schattigen Bänken des Post- und Ausstellungsgebäudes. Auch dort gibt es einen Brunnen. Danach besichtigen wir die berühmte St. Martinskirche von Zillis mit ihren 153 quadratischen Deckengemälden über die biblische Geschichte aus dem 12. Jahrhundert. Wir geniessen diesen kulturhistorischen Höhepunkt mit Hilfe der bereitgestellten Spiegel. Dadurch können wir unser Genick schonen und die Bilder trotzdem bewundern. Eintritt ist für Kirche und Ausstellung CHF 5.00. Gisela wird dank ihrem Begleitausweis gratis durchgelassen. Die Kirche steht unter dem Denkmalschutz des Bundes. Es ist bewundernswert, was die Menschen damals mit ihren Mitteln geleistet haben. Zillis steht für weit mehr als für praktische Küchengeräte. In Zillis befindet sich ferner das Schamser Talmuseum, das über Kultur und Leben des Schamsertales berichtet, wie der Hinterrhein-Abschnitt zwischen Rania und Andeer bezeichnet wird.

Wir nehmen die Route via Mulegn und Pignia nach Andeer. Der Bergweg ist leicht und wir können uns von Zeit zu Zeit eines Lüftchens erfreuen. Vor Pignia haben wir eine ausgedehnte Alpweide zu durchqueren. Eine gehörnte Kuh steht mitten auf dem Weg. Dahinter liegt eine kleine Gruppe von Kühen auf der ganzen Breite des Streifens zwischen Wald und Gestrüpp. Es gibt für uns nur ein Vorbeikommen, wenn die Tiere uns Platz machen. Ich rede mit der gehörnten Kuh und nähere mich ihr langsam. Sie blickt mich nur an. Ich gehe noch einen oder zwei Schritte vor. Dann macht sie mit den vorderen Hufen eine Bewegung, die als leichtes Scharren gedeutet werden könnte. Gisela würde sich am liebsten verdrücken. Ich gehe wieder einige Schritte zurück und hebe beide Arme samt Stöcken in die Höhe, so dass ich damit eine U-Form bilde. Ich schlage die Stöcke in der Höhe leicht zusammen. Jetzt werde ich offenbar als Riesen-Kuh verstanden. Die gehörnte Kuh geht zur Seite. Ich gehe als Riesen-Kuh langsam weiter. Die anderen Kühe stehen auf und jetzt gehen werden Gisela und ich durch die Kühe durch ihre Weide eskortiert. Wir laufen in einem bimmelnden Umzug bis zum Ende der Weide. Die Kühe lassen uns ziehen und Gisela und ich gehen durch das Gatter.

In wenigen Minuten sind wir im typischen Bündner Dörfchen Pignia und erfrischen uns kurz am Brunnen. Danach entdecke ich einen bequemen Fahrweg, der uns exakt zum historischen Hotel Fravi führt, wo wir beide einen grossen Bündner-Holzteller voller Spezialitäten und ein grosses Bier einnehmen. Wir strecken die Beine. Als wir einen bimmelnden Kuh-Umzug kommen hören, fragen wir uns, ob uns unsere neuen Freundinnen suchen. Auf der Hotel-Terrasse fliesst aus einem Brunnen Mineralwasser sowie Leitungswasser. Der Wasserhahn mit dem Mineralwasser ist weiss verkrustet, jener mit dem Leitungswasser schwarz, erfahren wir. Ich fülle noch etwas Mineralwasser in meine Trinkflasche. Das Hotel Fravi ist direkt mit dem Mineralbad verbunden. Vor der Abfahrt mit dem Eilbus nach Chur spazieren wir noch kurz durch den historischen Ortskern.

Links:
http://www.viamala.ch/de.cfm/erlebnisse/viamala_rofflaschlucht/
http://www.zillis-st-martin.ch
http://www.naturpark-beverin.ch/index.php?page=550

http://www.mineralbadandeer.ch/de.cfm/wellness/aquandeer/
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13. Juni 2014: Andeer - Splügen

Der Weg führt zuerst durch das schmucke Dorf Andeer. Läden bieten leckere lokale Spezialitäten an, zum Beispiel auch Natursenf. Weil ich noch einen weiten Weg vor mir habe, verzichte ich auf den Einkauf. Nach dem Dorf folgt ein Granitsteinbruch. Hinter dem Granitsteinbruch steigt der Bergweg zur Zentrale Bärenburg samt seinem Ausgleichsbecken an. Kurz zuvor gelange ich durch ein Gebiet mit vielen Heidelbeersträuchern.

Die Zentrale Bärenburg ist Teil der Kraftwerke Hinterrhein. Zu ihr gehört auch eine Luftseilbahn. Danach marschiere ich entlang der schwach befahrenen Strasse direkt zur Rofflaschlucht. Unterhalb der Schlucht mündet der Averser Rhein in den Hinterrhein, zweigt die Strasse nach Juf ab.

Ich betrete die Rofflaschlucht durch das Restaurant. Der Eintritt kostet CHF 3.50. Ein Weg führt zum tosenden Wasserfall, unter dem ein Fussgängertunnel durchgehauen wurde. Ich geniesse die imposante Szenerie. Danach erhole ich mich auf der Terrasse des Restaurantes mit einer Schamser Haselnusstorte samt Kaffee. Die touristische Erschliessung der Rofflaschlucht feiert dieses Jahr ihr hundertjähriges Jubiläum.

Ein gut angelegter Bergweg kürzt den Weg nach oben ab, wo die Strasse sich in mehreren engen Kurven nach oben winden muss. Ich bin froh, dass ich zuhause täglich meine Fussgelenke trainiere sowie mein Gleichgewicht, indem ich jeweils ein Knie nach oben ziehe, mit beiden Händen den Unterschenkel umfasse und so lange wie möglich auf einem Bein stehe. Dies kommt mir auf solchen Bergwegen zugute. Nach überwindung der Höhe verläuft der Bergweg praktisch parallel zur Strasse bis zum Festungsmuseum Crestawald. Diese Festung wurde während des Zweiten Weltkrieges erbaut und dient heute als Museum. Es ist leider nur samstags geöffnet. Ein leichtes Geschütz unter einer Tarndecke begrüsst ankommende Besucher. Unweit des Festungsmuseums zweigt ein Weg zu einem Gebiet namens Sufner Schmelzi ab. Dort wurde im 19. Jahrhundert Eisen und Kupfer verhüttet und Glas hergestellt.

Bald danach erblicke ich Sufers samt dem Sufner Stausee. Der Wanderweg führt direkt an einem Bio-Hof samt Hofladen vorbei. Der Hofladen bietet in einem kleinen Chalet ein vielfältiges Angebot mit Käse, Trockenfleisch und -wurst, frischem Lammfleisch, Lammfellen, Eiern, Holunderblütensirup, Pfefferminztee, Teigwaren. Ich kaufe Käse ein und lasse mich für die Teerast auf der Bank im Gärtchen vor dem Haus nieder. Eine friedliche Gans sitzt gleich daneben hinter Hecken. Der Biohof bietet Ferienwohnungen sowie ein Maiensäss auf 2000 Metern Höhe für Feriengäste an.

Von diesem gastlichen Ort im gemütlichen Sufers dauert es noch etwa anderthalb Stunden Wegzeit bis zum Tagesziel Splügen. Beim Ortsausgang von Sufers  bietet ein Hofladen hausgemachte Eiscreme an. Oberhalb von Splügen bewundere ich die Ruine Splügen. Dieser Wachtturm wurde von den Freiherren von Vaz errichtet. Die Lage bietet einen ausgezeichneten Blick talaufwärts wie -abwärts sowie auf den Zugang Richtung Splügenpass gegenüber. Nun dauert es noch wenige Minuten ins Dorf und zur Postautohaltestelle.

Die Wanderzeit beträgt gemäss der Beschreibung der identischen Etappe 2 der Via Spluga 5 Stunden 10 Minuten.

Links:
http://www.rofflaschlucht.ch
http://www.crestawald.ch
http://www.bergmilchschafranch.ch
http://de.wikipedia.org/wiki/Burg_Splügen
http://www.museen-graubuenden.ch/sites/objekte.html?&id=9
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19. Juni 2014: Splügen - Hinterrhein

Diese Kurzetappe dauert gemäss Wanderwegschild 3 Stunden, aber ich marschiere natürlich länger als die Zeitangabe, die stets zu knapp berechnet ist.

Ich wähle den Talweg nach Nufenen auf der Südseite des Rheines. Gegenüber von Medels treffe ich auf eine Kuhherde. Ich nehme mir Zeit, sie zu fotografieren und installiere mich dazu bei einer Sitzbank. Die Kühe sind neugierig, so dass auch mein Rucksack etwas feucht wird. Es gelingt mir zu vermeiden, nicht selber abgeschleckt zu werden.

Danach marschiere ich auf dem bequemen Wanderweg durch Kuhweiden und Waldstücke weiter. Nahe Nufenen treffe ich ein Ehepaar, das Spitzmorcheln sucht. Sie sagen mir, sie hätten dieses Jahr dort noch nichts gefunden. Gegenüber von Nufenen mündet der Areuabach aus dem Val Curciusa im Rhein. Ab Nufenen geht es auf einem Bergweg weiter, der vor allem gegen Hinterrhein durch ein liebliches Waldgebiet führt. Ein Wasserfall stürzt hinab. Am Schluss verläuft ein Pfad durch hohes Gras, Blumenwiesen und einen eigentlichen Gemüsegarten mit viel Sauerampfer.  Am nach Norden exponierten Hang befinden sich die einzelnen Schneefelder praktisch auf Augenhöhe.

Vom Dorf Hinterrhein erblicke ich das Tunnelportal des San-Bernardino-Tunnelportal und in der Verlängerung den Talausschnitt, wo die Hinterrheinquelle und dahinter das noch stark verschneite Rheinwaldhorn liegen. Bis zur Zapporthütte nahe dem Ursprung dauert es laut Schild noch dreieinhalb Stunden. Das Postauto holt mich ab, bevor ein kleiner Regenguss niedergeht.
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