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Sihl Logbuch

von Liliane Waldner

Einführung in die Sihl

Die Sihl ist 68 km lang. Sie entspringt am Fuss des Drusbergs auf 1800 m.ü.M. und sie mündet auf 402 m.ü.M. am Platzspitz in Zürich in die Limmat. Sie fliesst durch die Kantone Schwyz, Zug und Zürich.

Mehr über die Sihl auf:
http://de.wikipedia.org/wiki/Sihl
Sihlsprung
Die Sihl, der Fluss meiner engeren Heimat

Seit meiner frühen Kindheit ist mir die Sihl ein vertrauter Fluss. Ich bin in Aussersihl aufgewachsen, besuchte in der Mittelstufe das Sihlfeldschulhaus. Mein Pate, den ich Opa nannte, ging mit mir oft im Sihlhölzli spazieren. Sobald das Tram über die Sihlbrücke fuhr, habe ich mich in der Stadt gefühlt. Ausflüge führten seit meiner Kindstage immer wieder in den Sihlwald, zum Beispiel auch in den Tierpark Langenberg.

Die Sihl hat mich immer wieder wegen ihrer Wildheit fasziniert. Sie gibt mir das Gefühl, aus den Bergen zu kommen. Manchmal ist ihr Bett fast ausgetrocknet und die Steinblöcke ragen stärker aus dem Flussbett. Dann rauscht sie wieder einmal dreckig-braun durch die Stadt. Im Winter friert sie immer wieder ein Stück weit zu. Sie ist viel urtümlicher als die blaue Limmat, nach der die Stadt auch benannt wird.

Auch nachts weckt die Sihl in mir die Sehnsucht nach den verschneiten Bergen. Ganz stark ist es mir diesbezüglich im Herbst 2009 so gegangen, als sich in meinem Körper der nächste grosse MS-Schub ankündigte, der dann nach Ostern 2010 richtig ausbrach. Ich war an die Tagung von BankersCom eingeladen. Am Vorabend war ich zu einem Dinner in der Rüsterei im Sihlcity eingeladen. Der Abend war für mich wegen der Beschwerden beschwerlich und ich war froh, nach dem Dinner nach Hause gehen zu können. Ich wartete bei der Manessebrücke auf den 33er Bus. Im Dunkeln spiegelten sich die Wellen der Sihl silbern im Licht der Stadtbeleuchtung. Ich entspannte mich beim Blick in die Sihl. Sie weckte in mir stark die Sehnsucht nach Freiheit und nach den Bergen.

Als Kantonsrätin wollte ich die Sihl von der Sihlhochbrücke befreien. Ich forderte in einem Postulat deren Abbruch. Es wurde leider im Kantonsrat abgelehnt. Jahre später bezeichnete sogar der SVP-Regierungsrat Hans Hofmann die Sihlbrücke als Schandfleck. Recht haben und Recht bekommen sind in der Politik zweierlei Dinge. Deshalb steht diese Schandtat immer noch.

Ich weiss nicht, wie oft ich die Sihl entlang gelaufen bin. In der Stadt habe ich alle Abschnitte abmarschiert. Oft bin ich von der Manesse aus der Sihl entlang in den Sihlwald gelaufen. Eine beliebe Rundtour ist bei mir die Wanderung über den Uetliberg bis nach der Buchenegg gewesen und danach via Langenberg, Station Gattikon der Sihl entlang zurück in die Saalsporthalle. Ich bin gerne von der Maneggbrücke aus via Sihlbrugg, Sihlsprung, Sihlmatt, Kraftwerk Waldhalde nach Samstagern oder gar Schindellegi gelaufen. In der Sihlmatt kostete ich Forellen beim Restaurant der dortigen Forellenzucht. Einmal lief ich sogar via Maneggbrücke nach Schwyz. Dabei führte mich der Weg anfänglich nach Sihlbrugg.

Ich kannte auch die Uferwege und Strassenstücke entlang des Sihlsees von verschiedenen Wanderungen. So lief ich einmal mit einem früheren Freund von Willerzell via Staumauer Egg, Birchli und Brücke wieder zurück nach Wilerzell. Ein anderes Mal kam ich ebenfalls mit einem Freund vom Klöntalersee her zum Sihlsee und musste via Euthal bis nach Einsiedeln tippeln. Es war sehr heiss auf dem Strassenpflaster, aber ich war damals noch jung.

Ich habe alle relevanten Berggipfel rund um den Sihlsee bestiegen: Etzel, Stöcklichrüz, Rinderweidhorn, Aubrig, Fluebrig, Drusberg, Spital. Gerne fuhr ich meine Eltern nach St. Meinrad oder in die Sattelegg. Dady, der durch einen Hirnschlag immobil war, wartete im dortigen Restaurant auf uns. Mutter und ich stiegen auf den Etzel, ins Stöcklichrüz oder auf den Aubrig. Danach assen wir zusammen im Restaurant.

Kaum ein Fluss ist mir so vertraut wie die Sihl. So waren die letzten Etappen, die ich am 16. und 17. Juni 2012 von Schindellegi bis zum Gibschli lief sowie jene am 10. Oktober 2014 in ihr Quellengebiet und zum Sihlseeli, nur eine späte Ergänzung. Die Sihl entspringt am Fuss des Drusberges sowie beim Sihlseeli. Den Quellberg bestieg ich in jungen Jahren auf einer Tour des Schweizer Frauenalpenclubs (heute SAC Baldern) mit der Leiterin Ruth Lehmann. Damals lebte auch ihr Mann Theodor noch, der mitkam und uns mit dem Auto mitnahm.

Zur Anreicherung der Website mit Bildern bin ich im Juli 2015 nochmals zum Sihlsprung gelaufen, der mich mit seiner Urweltlichkeit imponiert.
Die Sihl ist der Fluss meines Herzens. Ich stehe damit nicht alleine da. Der bekannte Zürcher Schriftsteller Hugo Lötscher hat in einem NZZ-Aufsatz die Sihl regelrecht besungen.

Links:
http://static.nzz.ch/files/3/6/3/Sihl_Loetscher_web_1.3373363.pdf 
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16. Juni 2012: Schindellegi - Egg

Weil heute Abend Abonnementskonzert in der Tonhalle ist, widme ich dieses Wochenende der nahen Sihl und lasse die Emme aus. Es gilt, die noch letzten unbekannten Teile, der mir seit Kindheit in der Stadt Zürich vertrauten Sihl zu entdecken.

Von Schindellegi folge ich nicht dem Wanderwegschild nach Egg sondern dem Schild nach Dreiwässern und Etzel. So kann ich ein Stück weit der Sihl entlang gehen. Das Kraftwerk Feusisberg liegt im Naturschutzgebiet Dreiwässern. Leicht oberhalb davon mündet die Alp in der Sihl. Auf der anderen Seite der Brücke befindet sich ein Amphibienzentrum des WWF. Zum Teil führt mein Weg parallel zum Bauernlehrpfad Etzel. Ich steige nach Büel auf und noch etwas darüber. Danach gehe ich aber zur Tüfelsbrugg hinunter, denn von dort kann ich der Sihl wieder nach Egg folgen. Der Abstieg ist schwer und morastig. Ich bin um meine hochschaftigen Schuhe froh, unter denen der vom vielen Regen durchfeuchtete Boden an problematischen Stellen „Quatsch, quatsch“ macht. Dies erfordert von mir trotz der Wanderstöcke ein verschärftes Koordinationstraining.

Die Tüfelsbrugg weckt alte Erinnerungen. Wie oft bin ich mit meinem Auto darübergefahren, um in St. Meinrad oben zu parkieren. Mit meiner Mutter bin ich von dort entweder auf den Etzel oder auf das Stöcklichrüz gestiegen. St. Meinrad war nicht so geeignet, um meinen Dady mitzunehmen, wo er auf einer schönen Restaurantterasse auf uns warten konnte. Dafür war die Sattelegg besser. Auch Egg ist mit Erinnerungen belastet. Dort war ich einmal im Rahmen eines kantonsrätlichen Kommissionsausfluges mit den EKZ. Wir besichtigten zuerst das Kraftwerk Waldhalde und assen in Egg vorzüglich zu Mittag. Bei Egg liegt die Staumauer des berühmten Etzelkraftwerkes der SBB. Jedes Kind aus der Stadt Zürich lernt, welche Gefahr für unsere Stadt besteht, wenn der Sihlsee-Staudamm bersten würde. Dafür wird periodisch ein besonderer Sirenenalarm getestet.

Von Egg nehme ich das Postauto via Einsiedeln nach Höhport bei Euthal. Dort fliesst die Sihl in den Sihlsee. Den Sihlsee kenne ich von früheren Wanderungen aus jungen Jahren. Ich weiss auch, wie heiss es sein kann, an einem Sommertag wie heute den Sihlsee entlang zu tippeln.
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16.Juni 2012: Höhport - Ochsenboden

Von Höhport führt ein bequemer Weg via Studen zum Ochsenboden. Die Laufzeit dauert knapp eine Stunde. Oberhalb der Sihlmündung in den Sihlsee liegt ein kleines Naturschutzgebiet. Höhport ist die Endhaltestelle des Postautos. Der Landgasthof bei der Postautohaltestelle Höhport scheint dauerhaft geschlossen, ich finde jedoch auf der schattigen Sitzbank bei der daneben gelegenen Jagdhütte eine Rast.

17. Juni 2012: Ochsenboden - Gibschli

Warum Gibschli? Dort endet das bequeme Strässchen und beginnt der Bergweg zum Sihlseeli und Saaspass oder zum übergang nach Weglosen. Nach dem wunderbaren Tonhallenkonzert mit dem 5. Klavierkonzert von Beethoven sowie dem kurze Schlaf bin ich nicht zu einer anspruchsvollen Tour fähig. Gleichwohl will ich das Wochenende nutzen, um möglichst Nahe an die Genese der Sihl heranzukommen. In Gibschli kommen die verschiedenen Quellzuflüsse der Sihl von den Flanken des Drusbergs oder seitens Sihlseeli zusammen und bilden die Sihl. Ab Gibschli bezeichnet die Wanderkarte des Kantons Schwyz das Gewässer als Sihl.

Beim Ochsenboden befindet sich eine Produktionsstätte der Rheinmetall samt Testgelände. Rheinmetall ist bekannt, Rüstungsgüter herzustellen, auch an umstrittene Regierungen. Es ist deshalb geschickt, diese Sache diskret in einem abgelegenen Alpental abzuwickeln und zu testen. Entlang der Strasse ist ein Teil des Geländes für Schiessübungen abgesperrt. Warntafeln warnen vor explosiven Körpern.

Etwas oberhalb der Fabrikgebäude liegt der Golfplatz Ybrig. Das Betreiben eines Golfplatzes dürfte lohnender sein als die Berglandwirtschaft. Im Clubhaus trinke ich einen Kaffee. So ermuntert steige ich leicht zum Gibschli hinauf. An einer Stelle muss die Sihl sogar unter dem Kegel eines riesigen Schneerutsches hindurchfliessen. Es ist Juni, aber es hat lange bis in den Spätfrühling hinein geschneit.

Die Kombination von Rheinmetall und Golfplatz samt Golfclub in diesem abgelegenen Alpental regt meine Fantasie an. Sie ergäbe eine interessante Kulisse für das Drehbuch über einen Tatortkrimi mit dem Thema Industriespionage im Wehrtechnikbereich. Im Golfclub könnten die Kunden aus problematischen Ländern empfangen werden. In der düsteren Stimmung eines Gewitterabends könnte in diesem engen Tal die böse Tat geschehen.

Im stillen Gibschli oben, genügend ausserhalb der Reichweite des Testgeländes, finde ich gute Wiesen, um Teekräuter zu sammeln, konkret Gänseblümchen, Ringelblumen, Schafgarbe. Der Weg vom Ochsenboden zum Gibschli dauert anderthalb Stunden. Danach wären es auf dem weiss-rot-weissen Bergweg gut zwei Stunden zum Sihlseeli oder dreieinhalb Stunden nach Weglosen. Hinauf ist für mich kein Problem, aber wieder hinab. Dafür bräuchte ich vorgängig mindestens neun Stunden Schlaf, ein genügendes Zeitdispositiv und eine einwandfreie Topform. Ferner müsste das Gelände für meine Trittsicherheit trockener sein als heute. Nach dem Abstieg zur Jagdhütte nehme ich meinen Picknick und studiere an diesem ruhigen Platz mitgenommene Akten. Dann genehmige ich mir im Clubhaus beim Golfclub einen Zvieri, bevor es mit dem Postauto wieder heim geht.
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10. Oktober 2014: Ochsenboden - Sihlseeli - Saaspass - Richisau

Heute will ich zum Ursprungsgebiet meines Lieblingsflusses Sihl. Ich starte bei der Postautostation Ochsenboden. Werktags ist es wegen der Waffenschmiede Rheinmetall möglich, mit dem Postauto bereits um halb acht morgens auf dem Ochsenboden anzukommen. Rasch gelange ich auf dem Strässchen, das am Golfplatz Ybrig vorbeiführt, zum Gribschli. Am 17. Juni 2012 war es für mich noch undenkbar, den sehr steilen Bergweg aufzsteigen. Heute kommt mir dieser steile Bergweg bis Untersihl sogar angenehmer vor wie der zerfallende Denzlerweg, wenn er glitschig-nass und morastig ist.

Ab Untersihl führt der Bergweg über Alpweiden. Das weite Rund mit den Bergen des Drusberggebietes wird leider von Wolkenfetzen beeinträchtigt. Kurz vor dem Stägli wird der Bergweg ruppig und ich muss eine exponierte Stelle bewältigen. Unter dem Stägli rauscht die junge, wilde Sihl hinab. Ich bin auf der ersten Sihlbrücke. Danach geht es steil, zum Teil über Felsplatten zur Fritschenhütte. Dort setze ich mich zu meinem ersten Teehalt auf eine Bank und geniesse den Rundblick.

Der Bergweg normalisiert sich bei Obersihl bis zum Sihlseeli. Ich sichte noch ein Rinnsal einer der verschiedenen Sihlquell-Bäche in diesem Gebiet. Dann öffnet sich der Blick auf das in einer Mulde liegende Sihlseeli. Dieser kleine, klare und sagenumwitterte See ist nicht mit der Sihl verbunden. Die Wandersleute können ihren Namen in ein Gipfelbuch eintragen. Es ist das erste Mal seit geradezu Jahrzehnten, dass mein Name wieder in ein Gipfelbuch eingetragen wird. Vom Sihlseeli ist es nicht mehr weit zum 1896 m.ü.M. hohen Saaspass, von dem ich einen atemberaubenden Panoramablick zur Silberen, den Glärnisch, den Klöntalersee und die Gebirgskette in Richtung Fläschenspitz sowie die neben dem Drusberg liegenden, trotzig-steilen Gipfel geniesse. Ich raste noch einmal.

Danach geht es atemberaubend und teils exponiert steil Richtung Schwelaui an der Pragelpassstrasse hinab. Besonders das erste Teilstück bis zum Punkt 1685 m.ü.M. ist kritisch und bringt mich an den Rand der überforderung.  Ich komme nur langsam in Minischritten hinab und muss mir immer wieder helfen, indem ich an heiklen Stellen absitze, meine Beine hinablasse und mit den Händen nachhelfe. Aus diesem Grunde habe ich ein üppiges Zeitbudget für die Route geplant. Bereits ziemlich weit unten kommen mir zwei junge Männer entgegen. Sie anerbieten mir, mir noch über einige heikle Stellen hinab zu helfen. Ich nehme ihre Hilfe an, weil sie mir sagen, dass sie viel Zeit hätten. Sie wollen am Sihlseeli biwakieren und am nächsten Tag über den Grat auf der Route via Fläschenspitz zum Fluebrig gehen. Dank diesen flotten, jungen Zugern geht es jetzt rascher hinab. Wir wünschen uns gegenseitig alles Gute beim Abschied.  Ich schliesse die beiden jungen Männer in mein abendliches Dankgebet sowie die Fürbitte für ihre weiteren Unternehmungen ein.

Danach komme ich über die steilen Alpweiden flüssiger hinab und bin froh, die Passstrasse zu erreichen. Ich trinke noch einen kräftigen Schluck und eile raschen Schritten Richtung Richisau. Im Kurhaus Richisau verspeise ich mit Heisshunger einen Richisauer Teller mit lokalen Trockenfleisch und Käsespezialitäten und trinke eine grosse Flasche der Glarner Adler Bräu, bevor mich das Postauto nach Glarus führt.

Die offizielle Wegzeit vom Ochsenboden zum Saaspass beträgt 3 Stunden 40 Minuten, von dort nach Schwelaui 50 Minuten und von Schwelaui nach Richisau 1 Stunde 25 Minuten. Es ist empfehlenswert mit Zeitzuschlägen zu kalkulieren. Auch Gesunde meiner Generation erreichen solche Zeiten kaum annähernd.

Links:
http://www.sagen.at/texte/sagen/schweiz/allgemein/lauiberg.html
http://www.kloental.com/geschichte-details/items/kurhaus-richisau.html