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Emme Logbuch

von Liliane Waldner

Einführung in die Emme

Die Emme ist 82 km lang. Sie entspringt zwischen Hohgant und Augstmatthorn im Bereich der Naturschutzgebiete Hohgant-Seefeld und Schwarzbach-Möser auf etwa 1500 m.ü.M und sie mündet auf 425 m.ü.M. bei Luterbach in die Aare. Sie fliesst durch die Kantone Bern und Solothurn.

Mehr darüber auf:
http://de.wikipedia.org/wiki/Emme

9. Juni 2012: Luterbach - Lochbachbrügg bei Oberburg

In Luterbach mündet die Emme in die Aare. Dort wohnte der populäre Bundesrat Willi Ritschard. Als Sozialdemokratin wundere ich mich, ob die Leute in Luterbach noch über Willi Ritschard wissen. Ich frage beim Bahnhof nach ihm. Nur der Kioskinhaber reagiert. Von ihm erfahre ich, dass es dort, wo Willi und sein Sohn Rolf Ritschard, der ehemalige Regierungsrat, in einer Strasse wohnten, die nach Willi Ritschard benannt worden ist. Da muss ich hin. Es ist erst nach halb neun Uhr. Mit Hilfe der wenigen Leute finde ich die Willi Ritschard Strasse und fotografiere die Tafel. Erinnerungen an einen Parteitag aus den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts kommen auf. Damals fuhr ich als Delegierte im riesigen Extrazug nach Brig. In Solothurn nahm der Zug Willi Ritschard auf. Genossin Trudy Jakob aus Wiedikon hatte Textblätter mit der Internationalen bei sich. Sie wollte, dass einige Aktivistinnen im Lautsprecherwagen die Internationale anstimmten, wenn Willi Ritschard in Solothurn den Zug besteigt. Sie nahm mich zum Singen mit. Als der Extrazug in Solothurn einfuhr, stand jedoch die Stadtmusik auf dem Perron und spielte den Bundesrat Willi Ritschard Marsch. Es war nichts mit der Internationalen. Mit Wehmut denke ich an die verstorbenen Genossinnen und Genossen, mit denen ich an den Parteitag nach Brig fuhr, darunter auch die frühere Nationalratspräsidentin und Regierungsrätin Hedi Lang.

Es ist jetzt Zeit für die Emme. Nach der Brücke über den Emmenkanal laufe ich bis zur Flussmündung in die Aare und fotografiere sie. Ich komme wieder auf meine Spuren vom letzten Jahr entlang der Aare und verknüpfe so die Aare mit der Emme. Mit all diesen Umwegen Richtung Emmental verliere ich etwa eine Stunde. So marschiere ich erst um 09.30 richtig los und komme vor 17 Uhr bei der Lochbachbrügg bei Oberburg an. Es müssen noch kurze Rastpausen und Zeit für Gespräche unterwegs berücksichtigt werden.

Das ausgedehnte Naturschutzgebiet Emmenschachen erstreckt sich bis nach Derendingen. Ich kreuze ferner den Industriepfad Emmenkanal. Bei Biberist führt der Uferweg das riesige Gelände der ehemaligen Papierfabrik Biberist entlang. Ein Plakat an einem Zaun erinnert an den Kampf der Belegschaft gegen den Untergang der „Papieri“. Nach Gerlafingen bereichert ein Stück weit ein Bibelweg den Uferweg, bis er zum Schloss Landshut bei Utzensdorf abzweigt. Unterwegs stosse ich auf die letzten Läuferinnen und Läufer des 100 Kilometer-Laufes von Biel. Ein Stand zeigt an, dass sie bis dann 67 Kilometer geschafft haben. Ein Besenwagen mahnt, dass es für die Letzten noch knapp werden könnte. Sie wandern eher, als dass sie noch zu rennen vermögen.

Das nächste Naturschutzgebiet von nationaler Bedeutung folgt: Emmenschachen - Urtenesumpf. In dieser Wildnis mache ich Rast. Ich geniesse das Naturschutzgebiet fast bis vor Kirchberg. Danach wird der Uferweg breiter und ich strebe nach einer erneuten Pause nach Kirchberg locker Burgdorf entgegen. Das Schloss Burgdorf, das auf einer markanten Anhöhe steht, gerät in meinen Blickfang. Es ist bekannt für sein Goldmuseum. Ich will Burgdorf mit der riesigen Emmenschleife um den Ort hinter mir lassen, um die Etappe abzuschliessen. Bereits deuten die Wegschilder auf das vor mir liegende Emmental hin. Eine Frau hilft mir mit ihrem iPhone und sagt mir, dass ich bei der Lochbachbrücke auf den OeV gehen könnte. Die sie begleitende andere Burgdorferin erzählt mir, dass sie schon immer gerne der Emme entlang ins Emmental hinauf gelaufen wäre, es aber nur bis Hasle geschafft hätte. Jetzt ist ihr Mann krank und sie kann es nicht mehr machen. Bei der Lochbachbrügg ist für mich für heute Ende. In wenigen Minuten bin ich bei der Station Oberburg. Gegenüber dem Bahnhof steht ein Gebäude der Medizinaltechnik-Firma Ypsomed. Die Förderung und Ansiedlung neuer Technologieunternehmen ist die richtige Antwort auf den Untergang der alten Industrien wie der Papierindustrie.

Unterwegs liegen mehrere grosse Rastplätze mit Feuerstellen. In Burgdorf gibt es sicher Einkehrmöglichkeiten. Oberburg hinterlässt mir keinen touristischen Eindruck.

Links:
http://www.artenschutz.ch/emmenschachen.htm
http://www.bibelweg.ch/controller.php?id=1075
http://www.heimatschutz-so.ch/industrielehrpfad/Objekte/objekte.pdf
http://www.vol.be.ch/vol/fr/index/natur/naturfoerderung/naturschutzgebiete_naturschutzobjekte/lage_bestimmungen/schutzbeschluesse_der_naturschutzgebiete.assetref/content/dam/documents/VOL/LANAT/fr/Natur/Naturfoerderung/Schutzbeschluesse_NSG/LANAT_NF_NSG_Aemmeschache-Urtenesumpf_de.pdf
http://www.kulturschloss.ch/

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23. Juni 2012: Oberburg - Eggiwil

Ich freue mich wie ein kleines Kind, wieder zurück an der Emme zu sein. Am Freitag konnte ich meine neuen Lowa-Schuhe aus der Friemel-Werkstatt abholen. Heute zeigt es sich einmal mehr: Lowa-Schuh anziehen und losmarschieren. Weil ich in letzter Zeit immer die schwereren Schuhe getragen habe, laufen meine Füsse heute mit den leichteren wie geschmiert. Am Schluss machen wir meine Hände wegen des Stockeinsatzes einen abgeschaffteren Eindruck als die Füsse.

Der Morgen ist kühl und ich habe das Gefühl, trotz hohem Marschtempo kaum Energie zu verbrauchen, zumindest nicht während der ersten Stunden. Bald bin ich wieder bei der Lochbachbrücke und eile Hasle-Rüegsau zu. Dort picknickte ich letztes Jahr beim Spielplatz oberhalb der Emmenbrücke, als ich mit dem Postauto und Nebenlinien von der Postautohaltestelle Schaufelbergerstrasse quer durch das Land bis ins Berner Oberland fuhr. Nach Hasle-Rüegsau folgt Lützelflüh, wo der als Albert Bitzius in Murten geborene Pfarrer unter dem Namen Jeremias Gotthelf als Dichter wirkte. Mit dem Quartierverein Wiedikon besuchte ich vor Jahren einmal das Pfarrhaus sowie die Gedenkstätte an den grossen Dichter in Lützelflüh.

In Lützelflüh Richtung Ramsei hat die Masseurin Marie-Louise Brunner aus Hasle-Rüegsau einen Sinnespfad angelegt. Er dient der Stärkung von Körper und Geist, dem Innehalten und der Erholung. Dies ist das moderne Emmental.  Ramsei ist der Ort, wo der Ramseier Most herkommt.

Wer nicht unwillentlich am Lauf des Ilfis und in Langnau im Emmental landen will, benutzt den nächst besten Steg oberhalb Ramsei, um ans andere Ufer zu gelangen, das südwestlich liegt. Bald ist es Zeit für einen Teehalt. Ich treffe auf Fischer, die für ihre Ferien in Norwegen etwas Fliegenfischen geübt haben, bei diesem schönen Wetter jedoch nichts gefangen haben. Im Weiler Rüdiswil entdecke ich einen Holzstoss mit dem Schild Oil-of-Emmental. Dies ist das Label der Organisation, welche die Versorgung des Emmentals mit erneuerbaren Energien fördert. Die Besitzerin des Holzstosses ist so freundlich, mich mit dem Schild zu fotografieren. Dann muss sie aber mit ihrem Pferdetransporter weg, vielleicht an eine Reitsportveranstaltung.

Bei Emmenmatt fliesst an der anderen Seite des Ufers die Ilfis in die Emme. Die Emme biegt nun stark nach Süden ab. Ab Emmenmatt begleitet mich der Wasserlehrpfad Lebensraum Emme. Es wird jetzt warm und ich strebe Schüpbach entgegen. Ein Schild informiert über das Goldwaschen an der oberen Emme. Ich frage den Mann, der mir entgegenkommt, spasseshalber ob er Gold wäscht. Er lacht und meint, mit Glück, könne ich Goldwäscher sehen. In Schüpbach beobachte ich einen Mann, der auf der anderen Seite eine Kiesbank entlang watet. Er trägt tatsächlich eine Schaufel und nicht eine Angelrute. Auf der Kiesbank liegt ein verdächtiger Kasten, mit dem er danach auch zum Wasser geht. Er scheint nach einem guten Platz zu suchen. Tatsächlich: Er ist ein Goldwäscher und sein Outfit mit breitkrempigem Hut, blauem Jeanshemd und Jeans passt zum Bild. Obwohl er weit entfernt von mir steht, muss er in meine Kamera.

Am oberen Ende von Schüpbach entdecke ich vor dem Mehl-Lädeli zwei Stühle im Schatten. Das Mehl-Lädeli der Emmental Mühle ist geschlossen, weshalb ich mich dort für meinen Teehalt hinsetze. Ich lerne, dass in diesem traditionellen Familienbetrieb auf Steinmühlen Vollkornmehl gemahlen wird. Das Brot aus diesem Mehl wird als gesund gepriesen.

Nun sind es via Aeschau und Horben noch gut zwei Stunden bis nach Eggiwil. Ab Aeschau verläuft der Weg nicht mehr direkt am Ufer, sondern häufig über offenes Feld. Es wird dort etwas heisser und der Schweiss kullert hinab. Die Schulklassen der Schulen Aeschau, Horben und Eggiwil haben einen Klimapfad geschaffen. Auf Tafeln zeigen sie auf, welche Folgen der Klimawandel auch für die Schweiz haben könnte und was jeder einzelne dagegen im Alltag tun könnte. Sie legen in einem Kasten ein Gästebuch auf, wo ich mich eintrage. In Eggiwil suche ich mir einen Platz, wo ich meinen grossen Picknick als Z’Nacht nehmen kann. In der Cafeteria des Altersheimes kaufe ich dazu eine Flasche Ramseier Most. Aus den tiefen meines Hirns taucht auf, dass mir vor Jahren Urs Kaltenrieder Werbemails für seine Eggiwiler Seminare versandte. Er sass mit mir einige Jahre im Kantonsrat und auf seinen Sitz folgte ihm kurze Zeit seine Lebenspartnerin Susanne Frutig. Dann muss es sie ins Emmental verschlagen haben.

Ich bin um halb Neun in Oberburg gestartet und gegen halb Fünf in Eggiwil angekommen. Unterwegs gab es immer wieder Rastplätze und Sitzbänke zum Ruhen. In den Dörfern und Weilern gibt es ferner Einkehrgelegenheiten.

Links:
http://www.luetzelflueh.ch/de/inhalte/leben/jeremiasgotthelf.php
http://www.emmental.net/artikel.php?artid=26489
http://www.oil-of-emmental.ch/
http://www.emmental-muehle.ch/Das%20Unternehmen.htm

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30. Juni 2012: Eggiwil - Kemmeriboden

Um halb neun Uhr komme ich mit dem Postauto in Eggiwil an. Zuerst frage ich im heimeligen Altersheim, ob ich auf die Toilette gehen darf. Übrigens sind alte Menschen in den Heimen immer interessiert, wenn junge Gesichter in einem Altersheim erscheinen. Weil ich einen langen, heissen Tag erwarte, verzichte ich darauf, einen Kaffee zu nehmen. Auf den zweiten Blick fällt mir auf, dass sich Eggiwil bewusst als stiller Ferienort abseits der Hektik positioniert.

Via Heidbühl laufe ich auf dem geteerten Strässchen nach Sorbach. Ich bin an diesem Tag mit Rekordhitze froh, bald auf waldige Wege zu kommen. In Sorbach steigt der Weg steil über einen Grashang an. Der Höhenzug nach Schangnau heisst je nach Karte Schopfgraben oder Schöpfgraben. Es scheint mir, als ob dieser Höhenzug schwitze. Ich passiere unzählige Tobel mit kleinen Bächen. Überall tritt das Wasser hervor. Der Weg ist an manchen Stellen tief und zeitweise verlangsamt das hohe Gras das Tempo. Farnwälder mit Moosböden ziehen sich den Hängen entlang. Bremen tun sich an mir gütlich und ich schlage dauernd um mich. Ich denke an Antibrumm, das vielleicht geholfen hätte. Vor dem Pfaffenmoos treffe ich nur auf zwei junge Frauen. Der Weg ist einsam und fordert mich zum Teil. Nicht einmal Velospuren sind sichtbar.  Beim Pfaffenmoos öffnet sich der Blick. Danach geht es noch einmal steil einen Grashang hinauf und danach steil hinab. Oberhalb des Räblochs passiere ich Nagelfluh-Felsen mit einer Höhle. Der steile Abstieg ist durch einen Draht gesichert. Auch danach geht es steil hinab.

Bald erreiche ich einen Rastplatz mit einer Feuerstelle. Sie liegt etwa 10 Minuten ob dem Räbloch und 40 Minuten von Schangnau entfernt. Sie bietet eine geräumige Schutzhütte mit Tischen und Bänken. Bei der Feuerstelle ist sogar Brennholz und ein Rost vorhanden. Der Rastplatz ist in Privatbesitz der Familie Oberli aus dem Ortsteil Wald von Schangnau und die Feuerstelle darf gegen einen Unkostenbeitrag benutzt werden. Telefon Nummer 043 493 34 57. Es ist Zeit für meinen viertelstündigen Teehalt.

Erfrischt geht es weiter und in weniger als einer Stunde Abstieg komme ich in Schangnau an. Dort habe ich vor Jahrzehnten einmal mit meinen Eltern auf der Terrasse des Restaurants Löwen zu Mittag gegessen, als ich sie an einem Sonntag zu einer Ausfahrt fuhr. Danach zogen wir noch eine Runde in den Kemmeriboden.

Das Wanderwegschild zeigt von Eggiwil nach Schangnau 3 Stunden an und von Schangnau nach Kemmeriboden 2 Stunden 10 Minuten. Bei dieser schwülen Hitze sowie dem teilweise tiefen Böden entlang des Schopfgrabens dauert es einiges länger. Sicher ankommen ist unter diesen Umständen wichtiger als eine Rekordzeit.

Bei der Mühlebrücke entdecke ich in der Emme Leute bei der Siesta. Eine Frau im Bikini hat sogar ihren Liegestuhl in das seichte Flussbett gestellt. Ich fotografiere sie von hinten. Bei der Mühlebrücke befindet sich ein geräumiger Rastplatz samt Feuerstelle. Jedenfalls bräteln die Leute am Ufer.

Bei den Bauernhäusern im Gebiet Buhütte sind Katzen erhältlich. Am ersten Gehöft finde ich ein Schild „Junge Kätzchen suchen ein zu Hause. 034 493 32 97.“ Beim nächsten Hof sitzen zwei ältere Bauersfrauen auf der schattigen Bank vor dem Haus. Ich darf mich auf die Bank neben der ihrigen setzen und meinen Teehalt abhalten. Ich bin froh um die Pause. Sie erklären mir die Aussicht auf Hohgant, das Brienzerhorn weit hinten, die Schrattenfluh und Marbachegg. Ich bemerke die Katzen rund um den Hof. Sie bieten mir an, eine gratis im Rucksack nach Hause zu nehmen. Ich möchte aber keiner Katze an einem so schönen Ort mit praktisch keinem Autoverkehr zumuten, in meine Stadtwohnung zu kommen, obwohl ich Katzen gerne habe. Bei diesem Bauernhof fotografiere ich die Kuhglocken am Schopf. Nach der unterhaltsamen Pause mit den Bäuerinnen marschiere ich weiter.

Bei Bumbach treffe ich auf den Grenzpfad Napfbergland. Die Schilder thematisieren den Bauernkrieg 1653. Sie warnen mich, dass ich Aufständischengebiet betrete und mich ausserhalb des Gesetzes stelle. Die Erhebung der Bauern im Entlebuch, denen sich jene des Emmentals anschlossen, war 1653 in Europa ein enormes Ereignis. Nach dem 30jährigen Krieg brachen die Exporte der damals bereits spezialisierten Landwirtschaft zusammen. Europa war durch den Krieg verarmt und so gab es nichts mehr zu verkaufen. Dies stürzte die Bauern in wirtschaftliche Not und führte zu deren Erhebung gegen die Herren in den Städten Bern und Luzern. Damals sicherte keine Nationalbank mit dem Frankenkurs die Exporte nach Europa. Die gnädigen Herren zu Bern und Luzern sowie die eidgenössische Tagsatzung unterdrückten den Aufstand blutig und richteten die Anführer hin, welche in dieser Gegend Zuflucht suchten. Die hohen Herren waren damals nicht viel besser als Gaddafi und Assad heute. Die geringere Bevölkerungsdichte und Feuerkraft führte nicht zu Massakern wie heutzutage.

Ich komme zeitig in Kemmeribodenbad an, so dass ich noch draussen meine Vespermahlzeit samt obligatem Riesenmeringue geniessen kann. Nur kurz tröpfelt es etwas, aber der Sonnenschirm schützt mich als Regendach. Während der Postautofahrt nach Escholzmatt donnert es. Ich habe Wetterglück gehabt.

Links:
http://www.grenzpfad.ch/napfbergland/index.htm
http://www.kemmeriboden.ch/ueber_uns_Seminar_hotel_Restaurant_Emmental_Bern_Luzern_Thun/
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18. Juli 2012: Kemmeriboden - Habkern

Weil die Hippotherapie wegen der Ferien ausfällt, nutze ich den schönen Tag für den Höhepunkt meiner Emmentour. Schon um 06.04 Uhr verlasse ich Zürich mit dem Interregio Richtung Luzern. Während der Postautofahrt beachte ich, dass die berühmten Meringueschalen des Kemmeribodens von der Bäckerei Stein kurz vor Bumbach (Schangnau) erstellt werden. Die Postautohaltestelle heisst ebenfalls Bäckerei Stein.

Die Wanderzeit vom Kemmeriboden nach Habkern wird mit etwa 5 Stunden angegeben. Plakate der Holzwirtschaft informieren nach wenigen Minuten Marsch über das Potential von Holz, um Erdöl einzusparen. Gegenwärtig verbraucht spart die Schweiz mit der Nutzung von Holz 500‘000 Tonnen Erdöl pro Jahr ein, die 7‘000 Kesselwagen füllen würden. Das Potential, Erdöl durch Holz zu ersetzen liegt jedoch bei einer Million Tonnen Erdöl. Dies macht einen Zug mit Kesselwagen von 280 Kilometern Länge aus, mehr als die Strecke Basel-Chiasso.

Wenige Minuten weiter führt ein Emme Skulpturenweg zur Emme hinunter. Die Skulpturen wurden vom Emmentaler Künstler Urs P. Twellmann geschaffen. Ich erreiche die Brücke beim Hinter Hübeli. Bei meiner Winterwanderung von Sörenberg zum Kemmeriboden im Jahr darauf bin ich an derselben Brücke vorbeigekommen und habe in dieselbe Blickrichtung fotografiert, weshalb ich der Fotopräsentation die Sommer- wie Winterversion darstelle. Nach dem  Hinter Hübeli zweigt der Wanderweg rechts vom Strässchen steil nach oben ab. Die Abzweigung markiert den Beginn des Naturschutzgebietes Hohgant-Seefeld, an das nach der Brücke über den Leimbach ob Steini das Naturschutzgebiet Schwarzbach-Möser anschliesst, das sich bis zur Leimbachalp erstreckt. Es ist verboten, Beeren und Pflanzen zu pflücken, Pilze zu sammeln, zu campieren, vom Weg abzuweichen und zu jagen. Nur an bezeichneten Rastplätzen darf Feuer gemacht werden. Es geht bis zu den Alphütten vor Steini auf einem mit Steinbrocken belegten Weg durch einen Wald nach oben. Mountainbikers müssen hier absteigen, um ihre Knochen zu schonen. Der Weg dürfte bei Regennässe glitschig und schwierig zu begehen sein.

Nach den Alphütten wird der Weg zu einer bequemen „Wanderschuhautobahn“ und ich steige in flottem Tempo auf. Ich entdecke massenhaft Salbei, auf dem Nollen/Sattelmoos beim Niederknien für Fotoaufnahmen von Knabenkraut auch Brunnenkresse. Natürlich wachsen auch weit verbreitete Teekräuter wie Schafgarbe und Schachtelhalm. Das ganze Quellgebiet der Emme ist ein riesiges Flachmoor und Blumenparadies für seltene Pflanzen wie Orchideen. In den bewaldeten Abschnitten wachsen Heidelbeerstauden.

Auf dem Nollen/Sattelmoos erhalte ich einen Rundblick über die liebliche Moorlandschaft, die sich wie ein edler Teppichboden über das gesamte Quellgebiet der Emme erstreckt. Kein noch so teurer Orientteppich könnte mit der Pracht dieses natürlichen Moosteppichs wetteifern. Der Teppichboden ist feucht und gibt unter den Wanderschuhen wie ein Schwamm nach. Ich bemerke dies, als ich für einzelne Blumenaufnahmen niederknie und sofort meine durchnässten Hosen über die Knie ziehe. Auf dem Sattelmoos mache ich meine Teerast und geniesse das Panorama des Emmenquellgebietes in vollen Zügen.

All die Herrlichkeit ist zum Ansehen, aber nicht zum antasten oder zum sammeln. Ich erfahre bei einem Käselager nach dem Sattelmoos wie ich legal zu den Kräutern in diesem wunderschönen Gebiet komme. Die Kühe dürfen sie essen. Das Ehepaar, welches die Käselaibe einsalzt und wendet, erklärt mir, dass deren Alpkäse im Dorfladen von Habkern erhältlich sind. Darin sind die Kräuter konzentriert und ich erwerbe sie in Form eines grossen Stückes Alpkäse legal.

Das Strässchen bis zum Lägerstutz wird von einer Reihe kleiner Quellbäche und Rinnsale unterquert. Diese Bäche sind höchstens einige Dutzend oder wenige hundert Meter lang bis zur Quelle am Hang über der Strasse. Sie werden weiter unten im Harzisboden zur Emme zusammengefasst. Ich befinde mich mitten in der Kinderstube der Emme und mein Blick schweift zum Bergkranz des Massivs vom Augstmatthorn bis zur Schrattenfluh und Hohgant, die bald hinter mir liegen und den schneebedeckten Riesen des Jungfraumassivs vor mir. Beim Lägerstutz gibt es ein Restaurant, in dem auch Alpkäse und Ziegenkäse verkauft wird.

Apropos Käse: Ich habe noch nichts über den berühmten Emmentaler geschrieben. Als MS-kranke Frau halte ich mich an Alpkäse sowie Milchprodukte aus Ziegenmilch, allenfalls Schafmilch. Ziegenmilch wird eine ähnliche Eigenschaft nachgesagt wie der menschlichen Muttermilch. Die medizinischen Literaturquellen, vor allem jene von Naturheilpraktikern und -ärzten, raten MS-Kranken den Genuss von Kuhmilch ab. Sie wird als eine Ursache der Schwächung des Immunsystems verdächtigt. Bis jetzt gibt es weder Beweise noch ein Heilmittel, nur Indizien. In Form des harten Alpkäse bin ich trotzdem zu Käse aus dem Emmental gekommen. Dem Alpkäse oder Bergkäse werden wertvolle Omega-3-Fettsäuren nachgesagt.

Menschen, die schlecht zu Fuss sind, können mit dem Shuttlebus  oder Auto von Habkern bis zur Lombachalp mit dem Restaurant Lägerstutz fahren. Der Bus fährt mit mindestens vier Personen auf Reservation: 033 843 13 01. Parkkarten für Privatfahrzeuge können bei der Gemeinde Habkern bezogen werden. Das Strässchen durch das Quellgebiet eignet sich auch für Personen auf Rollstühlen. Wegen des Auf und Abs ist ein elektrischer Antrieb vorteilhaft. Ansonst sind zum Stossen des Rollstuhls kräftige Personen gefragt.

Ich gehe nach der Wasserscheide beim Lägerstutz weiter. Ich vermeide den Bergwanderweg zum Abstieg und lasse mich lässig das Strässchen nach Habkern hinuntertreiben. Dabei blicke ich auf den Fetzen Thunersee samt Niesen. Bei einer Alp entdecke ich einige glückliche Schweine. Ich freue mich bereits auf den kommenden Zvieri in Habkern, als etwa eine halbe Wegstunde ob Habkern ein Auto anhält. Ein Ehepaar lädt mich ein, mitzufahren. Ich bin alles andere als eine Anhalterin, aber ich nehme dieses Mal die Einladung an. Meine Emmen-Mission ist beendet.

Es stellt sich heraus, dass das Ehepaar einen christlichen Hintergrund hat und mit der bekannten Diakonie Ländli in Beziehung steht. Der Mann hat drei Jahre lang in Brasilien jungen Menschen geholfen. Der Dienst an den benachteiligten Menschen ist ihnen wichtig. Sie fahren mich bis zu Habkern Post mit dem Laden und dem Bären. Zum Abschied drücken sie mir zwei Schriften der Diakonie in die Hand.

Das Gedicht „Das Wunder der Perle“ von Sören Kahl trifft meine Lebenssituation:

„Man erzählt sich die Geschichte einer Perle hier am Strand.
Sie entstand in jener Muschel durch ein grobes Körnchen Sand.
Es drang ein in ihre Mitte und die Muschel wehrte sich.
Doch sie musste damit leben und sie klagte: Warum ich?

Eine Perle wächst ins Leben, sie entsteht durch tiefen Schmerz.
Und die Muschel glaubt zu sterben, Wut und Trauer füllt ihr Herz.
Sie beginnt es zu ertragen, zu ummanteln dieses Korn.
Nach und nach verstummt ihr Klagen und ihr ohnmächtiger Zorn.

Viele Jahre sind vergangen, Tag für Tag am Meeresgrund
schliesst und öffnet sich die Muschel. Jetzt fühlt sie sich kerngesund.
Ihre Perle wird geboren. Glitzert nun im Sonnenlicht.
Alle Schmerzen sind vergessen, jenes Wunder jedoch nicht.

Jede Perle lehrt uns beten, hilft vertrauen und verstehn,
denn der Schöpfer aller Dinge hat auch deinen Schmerz gesehn.
Nun wächst Glaube, Hoffnung, Liebe, sogar Freud tief im Leid.
So entsteht auch deine Perle, sein Geschenk für alle Zeit.

Sören Kahl“

Den Begriff Perle könnte ich als Multiple Sklerose deuten, die ich als Prüfung Gottes verstehe, dank der ich neue Lebensseiten erschliessen gelernt habe, wie mein Projekt der Flusswanderungen sowie meine noch junge Auseinandersetzung mit Heilpflanzen und Küchenkräutern.

Links:

http://www.twellmann.ch/vita_dt.html#uebersicht <http://www.twellmann.ch/vita_dt.html
http://www.vol.be.ch/vol/fr/index/natur/naturfoerderung/naturschutzgebiete_naturschutzobjekte/lage_bestimmungen/schutzbeschluesse_der_naturschutzgebiete.assetref/content/dam/documents/VOL/LANAT/de/Natur/Naturfoerderung/Schutzbeschluesse_NSG/LANAT_NF_NSG_Hohgant-Seefeld_de.pdf
http://www.vol.be.ch/vol/fr/index/natur/naturfoerderung/naturschutzgebiete_naturschutzobjekte/lage_bestimmungen/schutzbeschluesse_der_naturschutzgebiete.assetref/content/dam/documents/VOL/LANAT/fr/Natur/Naturfoerderung/Schutzbeschluesse_NSG/LANAT_NF_NSG_Schwarzbach-Moeser_de.pdf
http://www.kulturlandschaftspreis.ch/gewinner/2008/schwarzbach-m%C3%B6ser/

http://www.lombachalp.ch/xs_daten/Sommerangebot_2011.pdf

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