fluss-frau.ch
Vorderrhein Logbuch

von Liliane Waldner

Einführung in den Vorderrhein

Der Vorderrhein ist 76 Kilometer lang. Er entspringt im Tomasee nahe des Oberalppasses auf 2‘345 m.ü.M. und mündet auf 590 m.ü.M. bei Reichenau in den Vorderrhein, wo er mit seinem Bruderquellfluss Hinterrhein den Rhein bildet. Er fliesst ausschliesslich durch den Kanton Graubünden.

Mehr über den Vorderrhein auf:
https://de.wikipedia.org/wiki/Vorderrhein
28. Juni 2014: Tamins - Valendas-Sagogn

Die heutige Fuss-Reise ist eine Reise in meine Kindheit. Als Kind verbrachte ich im Jahr 1960 und 1962 jeweils einige Sommermonate im städtischen Kindererholungsheim Flims-Waldhaus. Wie viele andere Stadtkinder litt ich wegen der schlechten Luftqualität unter Atemwegerkrankungen. Damals wurde in der Stadt noch mit Koks sowie schlechten ölheizungen gefeuert und die Autos kannten noch keine Katalysatoren. Ich erinnere mich gerne an die Zeit im Kindererholungsheim.

Ab Tamins gehe ich auf einem angenehmen Bergweg zuerst Richtung Trin und dem Ortsteil Digg. Von dort marschiere ich Richtung Conn weiter. Leichte Wanderwegstrecken wechseln mit Bergwanderwegstrecken ab. Im stillen Weiler Pintrun teilen Schilder mit, dass hier Pro Specie Rara Obst angebaut wird. Immer mehr gerät der Flimserstein in mein Blickfeld. Die Aussicht auf diese felsige Bergkette ist mir prägend in Erinnerung geblieben.

Bald danach raste ich auf einer Bank mit Tief- und Weitblick. Ich teste danach, ob ich via den Aussichtspunkt Ransun in die Crummwag absteigen will. Der Weg fällt aber beim Aussichtspunkt dermassen steil von der Kante herunter, dass ich lieber wieder hochsteige und nach Conn weiter laufe, zumal die Leute mir dort sagen, dass der Abstieg extrem steil und mit hohen Tritten versehen sei.

Als Kind bin ich oft in Conn sowie an den nahen Cauma- und Crestasee gewesen. Heutzutage befindet sich dort ein Aussichtspunkt samt erhöhter Plattform namens Il Spir. Zur Zeit meiner Kindheit gab es dort höchstens eine einfache Sitzbank. Ich bin manchmal dort für mich allein gesessen und habe in die Rheinschlucht sowie zu den Schneebergen in der Ferne geblickt. Ich habe damals für mich Lebensträume ausgedacht: Ich wollte berühmt werden durch politische Tätigkeit, für eine gerechte Welt eintreten, Bücher und Artikel schreiben, auf die hohen Berge steigen sowie in der fernen Welt herumreisen. Vieles davon habe ich ein gutes Stück weit erreicht, vielleicht mehr, als damals einem ausserehelichen, dunkelhäutigen Mädchen zugetraut werden konnte. Ich wollte politisch tätig sein, musste mir damals aber nicht bewusst sein, dass Frauen noch kein Frauenstimmrecht hatten. Offenbar ist die Landschaft über der Ruinaulta für mich lebensprägend gewesen.

Die Ruinaulta, wie die Vorderrheinschlucht heisst, entstand vor gut 10‘000 Jahren im gewaltigsten Bergsturz der Alpen. Dieser Bergsturz zählte auch zu den grösseren solcher Ereignisse in der Erdgeschichte. Die Landschaft gilt als UNESCO-Weltkulturerbe.

Nach dem Aussichtspunkt marschiere ich am Restaurant und den einzelnen Hütten vorbei und wähle die Abzweigung nach Sagogn. Ab dieser Abzweigung beginnt ein einsamer, zum Teil ausgesetzter Bergweg durch eine reizvolle Waldlandschaft. Immer wieder öffnet sich ein atemberaubender Tiefblick in die Rheinschlucht. So lange es tendenziell mehr oder weniger steil aufwärts geht, komme ich leichten Schrittes voran. Ab einer Wegkreuzung auf 1121 m.ü.M. geht es jedoch mehr oder weniger steil hinunter. Der Weg passiert sogar eine abschüssige, steile Fluh. Jetzt setze ich jedes Schrittchen mit Bedacht und komme mir wie eine Schnecke vor. Sicherheit hat jetzt erste Priorität und ich vergesse jegliches Zeitgefühl, bin nur auf den nächsten Schritt und die nächste Wegbiegung konzentriert. Nach einer gefühlten Ewigkeit geht der Bergweg wie erwartet in einen breiten, bequemen Wanderweg über. Geschafft!

Bei der nächst gelegenen Sitzbank lege ich eine ausführliche Rast ein. Sie befindet sich oberhalb der Felsen, die auf der Karte mit Ruin Aulta bezeichnet werden. In der Ferne sehe ich bereits die Rheinbrücke von Sagogn nach Valendas. Ich spreche ein Dankgebet. Danach lasse ich mich den bequemen Waldweg hinabtreiben. Die Orchideen von Sagogn entschädigen mich mit ihrer Schönheit reichlich für die vorhergehenden Mühen. In der Umgebung von Sagogn wachsen 24 Orchideen-Arten. Es hat sich gelohnt.

Bald erreiche ich die Brücke zur Station Valendas-Sagogn. Unter der Brücke lassen sich Riverrafter in ihren Schlauchbooten und Neoprenanzügen durch die Schluchtlandschaft treiben.

Unterwegs habe ich zum Teil unvollständige Wegzeitangaben vorgefunden. Für die spektakuläre Strecke ist eine Tageswanderung einzuplanen.
Eine winterliche Begehung der Ruinaulta habe ich im Dezember 2016 durchgeführt und am Ende des Logbuchs dokumentiert. 

Links:
http://www.ruinaulta.ch/de/welcome.cfm
http://www.prosagogn.ch/cms/index.php/de/fotos/die-24-sagogner-orchideen
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4. Juli 2014: Valendas-Sagogn - Tavanasa

Ich marschiere entlang eines angenehmen Bergweges (im Tessin wäre dies ein gelber Wanderweg) unterhalb von Castrisch vorbei nach Ilanz. Noch ragen einige Felswände entlang des Rheins in die Höhe. Bei Isla Sut unterhalb von Castrisch liegt ein Naturschutzgebiet mit Rastplatz. Oberhalb von Castrisch streift der Bergweg einige Felsblöcke.

Ilanz nennt sich die älteste erste Stadt am Rhein. Der Fluss Glogn bzw. Glenner mündet in Ilanz. Weiter oben im Seitental liegt das bekannte Ort Vals. Ilanz bietet für Touristen an Regentagen das Museum der Surselva sowie eine historische Werkstätte im nahen Schnaus.

Das angenehme Training am leichten Bergweg sowie vielleicht die Fülle verschiedener, täglicher Trainings, Therapie und regelmässige Märsche müssen dazu geführt haben, dass ich an diesem Tag den „Schalter“ zu Muskeln gefunden habe, zu denen mein Nervensystem offenbar die Verbindung verloren hat. Jedenfalls spüre ich eine Stärkung im Bereich Gesäss, Becken. Auf dem leichten Wanderweg zwischen Ilanz und Tavanasa habe ich einen eigentlichen Energieschub. In Tavanasa wird die Marschzeit nach Ilanz mit 3 ¾ Stunden angegeben. Innerhalb dieser Zeit raste ich zweimal, zuerst  im Wald oberhalb Plaun Liung und danach vor Tavanasa. Dies bedeutet, dass ich diese Zeit netto deutlich untertroffen habe. Werde ich diesen Schalter das nächste Mal wieder finden?

Zwischen Ilanz und Tavanasa sind am nördlichen Ufer, zum Teil weit oben die Orte Rueun, Waltensburg und Brigels zu erkennen. Waltensburg ist bekannt für das erste öko-Hotel der Schweiz. Von Waltensburg bis Tavanasa erstreckt sich am Rheinufer ein Naturschutzgebiet. Kurz vor Tavanasa überschreite ich den Tscharbach, komme an einem Steinbruch sowie einem Kraftwerksbau der AXPO vorbei.

Die offizielle Marschzeit zwischen Valendas-Sagogn und Ilanz beträgt knapp 2 Stunden, was von mir wegen des Bergweges nicht ganz eingehalten werden kann.

Links:
http://www.ilanz.ch/Stadt_und_Region.116.0.html
http://www.museumregiunal.ch/aktuelles.5.0.html
http://www.mulin-schnaus.ch
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6. Juli 2014: Tavanasa - Sumvitg-Cumpadials

Von der Bahnstation geht es durch das Dorf Tavanasa, dann über die Brücke nach Danis. Im Ortskern entdecke ich ein altes Holzhaus mit der Jahreszahl 1518 (oder ist es 1818?). Oberhalb von Danis liegt die Wasserfassung Tavanasa sowie eine grosse Trafostation. Der breite Wanderweg führt durch bewaldetes Gebiet zuerst nach Darvella und dann entlang der Strasse nach Trun. Vor Darvella begegne ich einer Gruppe Alpakas. In Darvella liegt ein Skulpturengarten bei einem Haus eines Leo Demund. Diese Installation ist Teil eines Skulpturenpfades entlang des Rheins..
Sehr prominent sind die Brüder Alois und Zarli Carigiet, die aus Trun stammen. Ihr Geburtshaus liegt direkt neben der Kirche am Platz mit dem grossen Ahornblatt. Gegenüber dem herrschaftlichen Geburtshaus steht ein Gebäude mit Bildern von Alois Carigiet. Bereits beim Ortseingang werden Besucher Truns mit einem Schild empfangen, das Flurina zeigt. Alois Carigiet ist für sein Schellenursli bekannt.

Nach Trun führt der Weg nach Rabius. Kurz vor Rabius hält mich ein Himbeerstrauch auf, dessen Beeren ich geniesse. Auf einer Sitzbank mit gutem Ausblick auf Surrein und das Val Sumvitg, welches zur Greinaebene führt, raste ich, um für den Bergwegabschnitt zwischen Rabius und Sumvitg gestärkt zu sein.

Ich nehme die Bergwegroute Runs mit seiner kleinen Kapelle und Mulinaun nach Sumvitg. Der Weg steigt steil zum Punkt auf 1095 m.ü.M. und mündet dort in einen breiteren, steilen Grasweg bis oberhalb der Kirche von Sumvitg. Ich frage eine Einheimische nach den Blumennamen. Sie erklärt mir, dass die schönen, roten Blumen wilde Nelken seien. Ich fotografiere sie und sie meint, da sei ein schöner Strauss auf dem Bild. Sie weist mich auf die gelben Johannisblumen hin. Sie legt diese eine Woche lang in einem Glas öl ein und erhält daraus ein heilendes Johannisöl. Dieses könne bei Entzündungen eingerieben werden. Sie kuriert damit auch ihre Blasenentzündungen. Daneben sind auch die Schafgarben erwähnenswert.

Von Dorfkern ist es nicht mehr weit zur Bahnstation Sumvitg-Cumpadials. Ich erblicke in der Ferne das Kloster Disentis und den weiteren Talverlauf, was eine Euphorie in mir auslöst. Trotzdem nehme ich zeitig den Zug heim, denn über den Berghängen beginnt es aus einer dunklen Wolke bereits leicht zu regnen.

Die Marschzeit ist gemäss Schildern zwischen Tavanasa und Rabius insgesamt drei Stunden, was ich leicht unterbieten kann, jene auf dem Bergweg von Rabius nach Sumvitg 40 Minuten, wo ich meine leichte Verspätung einfange und vom Ortskern zur Bahnstation noch 10 Minuten.

Links:
http://t008.icsurselva.ch/Kunstpfad_am_Rhein.258.0.html
http://www.carigiet.net/home.php
http://de.wikipedia.org/wiki/Schellenursli
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16. Juli 2014: Sumvitg-Cumpadials - Disentis

Ich durchquere ab der Bahnstation innert weniger Minuten das Dörfchen Cumpadials. Oberhalb des Dorfes beginnt ein schöner Bergweg mit Naturpfad-Informationsschildern entlang des Rheines bis zum Russein-Kraftwerk der AXPO. Dieses nutzt den Russeinbach und seine Kapazität wird ausgebaut. Der Weg durch die Baustelle ist rumplig. Danach geht es auf einem breiten Wanderweg an Disla vorbei zur Brücke Bruf. Ich fotografiere eine riesige Heuschrecke, die es sich auf dem Asphalt gemütlich gemacht hat.

Ich marschiere nicht direkt nach Disentis, sondern mache einen Abstecher zum Dorf Mompé Medel. Deshalb über quere ich den Rhein Danach überquere ich den Rhein wieder Richtung Campingplatz Fontanivas. Die Kindergruppen im mit Sandbänken und Steinbrocken geprägten Flussbett fallen mir auf. Nach Durchschreiten des Zeltplatzes entdecke ich vor der Brücke einen kleinen Steinbau, der als Goldwäscher-Zentrum dient. Eine Gruppe Mädchen und deren Leiterin lassen sich von mir mit ihren Geräten fotografieren. Die kleinen Goldwäscherinnen haben leider nichts gefunden.  Die Leiterin drückt mir einen Prospekt von Aurira in die Hand, die Goldwäscherei-Events sowie andere Abenteuer-Anlässe in der Surselva durchführt.

Hinter dem Goldwäscher-Zentrum liegt der Zusammenfluss von Vorderrhein und Medelser Rhein. Leider finde ich keine fotogene Sicht darauf. Nach der Brücke über den Vorderrhein steigt ein Mountain-Bike-Trail nach Mompé Medel hinauf. Er mündet oberhalb des Tunnels in das kleine, verkehrsarme Zufahrtssträsschen ins Dorf. An einem Werktag wie diesem ist der Mountain-Bike-Trail vorteilhafter als der extrem steile Bergwanderweg. Ich treffe keine Radfahrer während meines Auf- und Abstiegs an. Mompé bedeutet auf rhätoromanisch Hügel. Mompé Medel bietet wie ein Balkon einen überblick über die Täler Richtung Oberalppass und Lukmanier, die Sursvelva hinunter sowie auf Disentis und die Gebirgskette gegenüber. Ich raste auf der Bank vor dem kleinen, sehenswerten Kirchlein. Ich nutze die Stille im Kirchlein, um zu beten.
Danach steige ich wieder auf dem gleichen Weg nach Fontanivas ab, fotografiere ein kleines Wasserrad, das jemand aus Fahrrad-Rad gebastelt hat und steige nach Disentis auf. Beim Dorfeingang kaufe ich in der Käserei Käse. Einer der Käse nennt sich Rheinquellen-Käse, ein Zeichen, das mein Ziel näher kommt.

Die offizielle Wegzeit von Sumvitg-Cumpadials bis Disentis ist 1 ¾ Stunden. Für meinen Umweg nach Mompé Medel müssen insgesamt bis drei Stunden hinzugerechnet werden. Ich habe so eine Alternative zum berühmten Kloster erfahren, das ich vor wenigen Jahren besucht habe. Zweideutig ist die Reklametafel für das Kloster-Gymnasium beim Bahnhof. Es preist die Schule als den „Weg nach oben“. Es fragt sich, wie das gemeint ist: zu Gott oder zur Spitze der menschlichen Gesellschaft?

Links:
http://www.axpo.com/axpo/hydrosurselva/de/medien/medienmitteilungen/2009/mai/optimierung-des-wasserkraftwerkes-russein.html
http://www.aurira.ch/de/
http://kirchen-online.org/kirchen-und-kapellen-in-graubuenden-und-umgebung/mompe-medel---sogn-valentin.php
http://wikimapia.org/13563443/de/Mompé-Medel-Mumpé-Medel
http://www.kloster-disentis.ch/de/home
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4. August 2014: Disentis - Tschamut

Die Zeitangabe Disentis - Sedrun von einer Stunde und 45 Minuten verleitet mich dazu, mir beim Bahnhof einen Kaffee samt Gipfel zu genehmigen. Danach ist es etwas verwinkelt und sind die Wanderschilder nicht sehr klar, um aus Disentis herauszukommen. Ich steige etwas zu hoch und komme bei Acletta vorbei. Bei Acletta entdecke ich ein Schild, das Land zu verkaufen anbietet. Ich fotografiere es. Es steht stellvertretend für eine Reihe von Schildern, an denen ich entlang der Flüsse vorbeigekommen bin, wo noch unverbautes Land als Bauland angepriesen wird. Nach Acletta entdecke ich eine Reihe von Wasserrädern, die in Fliessrichtung immer etwas grösser werden. Ich nehme das originelle Sujet auf. Von Segnas aus geniesse ich den Blick auf den Medelser Gletscher, den Piz Medels und andere grosse Berge gegenüber.

Beim verträumten Mompé Tujetsch erfahre ich von Leuten, dass es auch roten Holunder gibt. Sie sammeln ihn in Kesseln. Der rote Holunder sei giftig, sagt mir eine Frau. Er müsse gekocht werden, um geniessbar zu werden. Sein Saft muss durch ein Tuch gepresst werden, denn auch die Kerne seien nicht gut. Dann könne ein guter Gelee daraus gemacht werden.

Nach einer längeren Strecke auf der Senda Sursilvana und nach dem überschreiten des Bahnviaduktes komme ich endlich in Sedrun an. Dort gibt das Wanderwegschild nach Disentis eine Zeit von 2 Stunden und 30 Minuten an. Auf die Wanderzeitangaben ist kein Verlass.

Ich pausiere beim Bahnhof Sedrun auf einer Bank mit Aussicht. In Sedrun wird auf ein Alptransit-Informationszentrum aufmerksam gemacht. Dort wollten Bündner Lobbiysten eine NEAT-Bahnstation Porta Alpina samt Schnelllift errichten. Dieser teure Bahnhof wird nicht gebaut. Danach geht es in 20 Minuten nach Rueras. Von dort steige ich Richtung Rhein ab und komme an einem Campingplatz vorbei. Auf dieser Route ist Selva in einer Stunde zu erreichen. Der Bergwanderweg ist problemlos, so dass ich flott schreiten kann. Vor Selva entdecke ich eine Maus auf dem Waldboden. Sie rennt nicht davon. Ich kann in Ruhe meine Kamera aus dem Rucksack hervorholen und mit dem Objektiv näher an sie herangelangen. Je näher ich ihr komme, umso heftiger dreht sie sich im Kreis. Wenn sie kurz ruhig ist, drücke ich ab. Ich sage Mausilein, sie solle aufpassen und nicht so unvorsichtig sein.

Von Selva aus sehe ich bereits Tschamut. Ich bin erstaunt, dass dort ein so hoch gelegener Golfplatz betrieben wird. Vom Golfplatz Selva ist es noch eine halbe Stunde bis nach Tschamut. Dieses Strassendorf besteht aus einer Handvoll Häusern. Eines der Wirtshäuser wird von Motorradfahrern frequentiert, die auf den Oberalppass hinaufjaulen, das andere ist zu. Hoch oben auf der anderen Talseite ist der mächtige Curnera-Staudamm sichtbar. Noch fünf Minuten steil hinauf bis zum Bahnhof! Ich spute mich, um den Zug zu erreichen.

Links:
http://www.alptransit.ch/de/besuchen-sie-uns/infocenter-sedrun.html
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8. August 2014: Tschamut - Rheinquelle - Oberalppass

Ziel ist der Tomasee. Bei der Dorfstrasse gibt das Berwanderweg-Schild 2 Stunden 45 Minuten bis zum Tomasee an. Ich wähle die nach dem Steg über den jungen Rhein die Route Richtung Curciusa-See, um rasch auf das Strässchen hinauf zu gelangen, auf dem ich in flottem Tempo bis unter den Tomasee zu marschieren hoffe. Wegen der vielen Regenfälle ist der Steilhang aufgeweicht und ich komme über immer tiefere Stellen. Am Schluss sinkt mein Fuss so tief ein und lässt der Boden unter meinem Gewicht nach, so dass ich auf dem sumpfigen Grund einen Absitzer habe. Ich muss mich mit dreckigen Kleidern aufrappeln und steige vorsichtig zur Wegverzweigung ab. Das kostet Zeit und Energie.

Auf dem anderen Weg, der zuerst parallel zum Bach namens Rhein verläuft, geht es flotter voran. An den sumpfigen Stellen sind Holzstege angebracht, was weitere unfreiwillige Fangopackungen erspart. Murmeltiere pfeifen.  Ich erfahre von einem ortskundigen Wanderer, dass der sumpfige Hang-Weg Richtung Strässchen zum Val Curciusa oft im Schatten liegt und deshalb so morastig ist.

Bei Crest Darvun steigt der Weg steil an, quert das Strässchen, steigt weiter und mündet in den gekiesten Fahrweg Richtung Maighels, dem ich folge. Es ist bei Erreichen des Strässchens Zeit für eine Rast. Wenige Meter nach dem Steg über den jungen Rhein, der durch einen Felseneinschnitt unterhalb des Tomasees hinabstürzt, und unter der Brücke hinunterfliesst, werde ich von Marc Müller angesprochen. Er ist der Mann meiner früheren Kantonsratskollegin und späteren Nationalrätin Vreni Müller Hemmi. Er kommt mit einem Wandergefährten vom Pazzolastock her und erklärt mir, dass der Aufstieg zum Tomasee auf dieser Seite sehr ruppig ist. Er fotografiert mich mit dem Anfang des Rheins als Fliessgewässer auf der Brücke. Angesichts der Episode am sumpfigen Hang beschliesse ich, zum Oberalpass aufzusteigen. Ich kann es mit dem Tomasee ein anderes Mal auf dem Vierquellenweg vom Oberalpass her versuchen. Es fehlen noch 600 Meter Distanz bis zum Tomasee. Ich bin den Rhein vom Dreiländereck in Basel auf 369.4 Kilometern Länge gefolgt und habe 99.8 % des Pensums erfüllt. Wie Marc Müller bei der Brücke betont hat: Der Rhein als Fluss beginnt erst dort richtig - und er ist im Bild. Ein erneuter Anlauf unter günstigeren Bodenbedingungen dient der Perfektion.

Ich steige das Strässchen ab und gelange bei Trutg-Nurschalas auf den Vierquellenweg zum Oberalppass. Ich erfahre von einer Familie, dass der Aufstieg zum Tomasee weiter oben auch sehr steil und felsig werde. Auf dem Abstieg nach unten quere ich mehrere Bäche und passiere einige felsige Passagen. Ich gehe ganz bedächtig. Unterwegs erblicke ich weit oben vier Gemsen. Beim Oberalppass wird die Wegzeit zum Tomasee mit 1 Stunde 45 Minuten angegeben. Es befindet sich auf der Passhöhe ein Infocenter über die Rheinquelle samt einem Leuchtturm. Ich kaufe bei einem Verkaufswagen Ziegen- und Alpkäse ein und werde von einer freundlichen Rheinländerin bedient. In der heimeligen Ustria Alpsu esse ich die besten Capuns, die ich je erhalten habe, und danach einen feinen Zwetschgenkuchen.

Links:
http://rhein-der-film.de/?p=173
http://www.vier-quellen-weg.ch/kontakt/
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28. September 2014: Oberalppass - Rheinquelle Tomasee

Der Altweibersommer bietet mit seiner Klarsicht die ideale Bedingung für meinen Marsch an die Rheinquelle Tomasee. Ich starte am Oberalpass und folge der Route des Vier-Quellenweges zum Tomasee.

Zuerst steigt der Weg etwas ab, überquert bei einem Steg einen Bach und steigt danach entlang des Hanges kontinuierlich auf. Es gibt nur kleinere, felsige Passagen auf diesem ersten Teilstück bis Trutg-Nurschalas. Danach steigt der Weg in kurzem Zick-Zack auf eine höhere Stufe, um wieder allmählich den Hang entlang aufzsteigen. Es folgt eine weitere Wegschleife und dann stehe ich vor einer trotzigen Felspassage.

Die meisten folgen dort den Wegzeichen. Einige steigen direkt über die Felsen auf. Ich muss mich sehr konzentrieren und sehr bedächtig gehen. Da und dort muss ich mit meinen Händen einen felsigen Griff fassen. Der restliche Weg bis zum Tomasee ist weniger ruppig.

Dann stehe ich auf der Anhöhe über dem Tomasee, dem Quellensee des Vorderrheines, der bekanntesten Flussquelle der Schweiz. Die Quellenstele thront über dem See und der Rheinquelle. Sie bietet eine grandiose Panoramasicht bis weit in die Surselva und die Gegend beim Maighelspass, wo der Maighelsgletscher im Sonnenlicht leuchtet.

Eine Frau fotografiert mich, nachdem ich sie mit ihrer Tochter abgelichtet habe. Von hinten am See ertönen die Klänge einer Panflöte. Auf dem Aussichtspunkt weht ein kühler Wind. Hinten am See besammelt sich eine Ziegenherde. Einer der Hirtenjungen spielt immer noch auf seiner Panflöte, bis sich die Gruppe von Hirtenjungen, Schafen und Hunden in Bewegung setzt und sich nähert. Flink rennen die Hirtenjungen (Burschen und Knaben) den Hängen entlang, um die Herde in Richtung des unteren Endes des Tomasees und von dort den Weg hinab zu treiben. Ich würde gerne auch so leichtfüssig den Bergwegen und Hängen entlang rennen können.

Ich raste auf der Sitzbank bei der Quellen-Stele und trete danach sorgfältig den Rückweg zum Oberalppass an. Immer wieder fragen mich freundliche Wandersleute, ob ich Hilfe bräuchte. Ich helfe mir grundsätzlich selber, um auch dann vorwärtszukommen, wenn ich alleine unterwegs bin. Bei einer felsigen Stelle nehme ich die Hilfe trotzdem an, um nicht als Hindernis im Weg zu stehen. Das schöne Wetter hat eine Völkerwanderung auf den Tomasee ausgelöst. Ganze Kolonnen bewegen sich auf und ab.

Beim Oberalppass kaufe ich bei der freundlichen Frau aus Hessen wieder Alpkäse, der aus der Sennerei Sedrun stammt. Sie freut sich, als sie erfährt, dass ich es heute an den Tomasee geschafft habe. Sie bietet mir sogleich ein Rädchen Trockenwurst für den ersten Hunger an. Danach erfreue ich mich in der Ustria Alpsu wieder einem Teller Capuns. Ich habe den längsten Fluss der Schweiz innerhalb des Landes vollbracht. Der Rhein ist mit seinen 1‘233 Kilometern Gesamtlänge die Nummer 10 der europäischen Flüsse.
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18. Dezember 2016: Ruinaulta von Reichenau bis Versam

Nachdem ich im Sommer 2014 die Rheinschlucht von Tamins nach Valendas-Sagogn auf der nördlichen Seite via  Aussichtspunkt Ransun bei Conn durchschritten habe, habe ich mir vorgenommen, die Ruinaulta auf der südlichen Seite zu absolvieren. Eine winterliche Durchquerung hat mich wegen der kalten und urweltlichen Stimmung seit längerem gereizt. Am 16. Dezember 2016 sind die Bedingungen dank trockenem, kalten Wetter und guter Beleuchtung für das Fotografieren ideal gewesen.

Ich habe vor, von Reichenau via die Eisenbahnbrücke von Vasorta zur Station Trin zu wandern, um über die neue Hängebrücke an das andere Ufer zu gelangen. Der Weg ist jedoch wegen Steinschlag gesperrt. So gehe ich via Gurgs, die Aussichtspunkte bei Bot Danisch und Zault, der Querung des Versamer Tobels nach Versam und danach bis zum Aussichtspunkt Isla Bord. Von dort nehme ich das Postauto zur Bahnstation von Versam-Safien. Für diese Route muss mit viereinhalb Stunden gerechnet werden. Ich pausiere beim Aussichtspunkt Zault sowie in Versam.

Beim Aussichtspunkt nahe Bot Danisch erinnert eine Tafel, dass 1914 direkt darunter im Rhein ein Flösser ums Leben gekommen ist. Offenbar ist damals hier geflösst worden, wo im Sommer heutzutage die Abenteuerhungrigen mit Schlauchbooten durchfahren. Eindrücklich ist das Versamer Tobel, durch das die Rabiusa fliesst und unterhalb der Chrummwag im Rhein mündet. Das Mündungsgebiet ist nicht begehbar. Bei Isla Bord stehe ich oberhalb der Chrummwag und gegenüber dem Aussichtspunkt Ransun bei Conn, mit dem mich Kindheitserlebnisse im städtischen Erholungsheim Flims-Waldhaus verbinden.

Links:
http://www.rheinschlucht.ch

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24. Dezember 2016: Ruinaulta von Versam bis Valendas-Sagogn

Heute liegt die Landschaft unter dickem Raureif. Ich bin die einzige Person, die am Bahnhof von Versam aussteigt. Ich gehe zuerst zur Chrummwag und befinde mich unter dem Standort Islabord, wo ich am 18. Dezember 2016 die erste, winterliche Ruinaulta-Etappe beendet habe. Vor Jahrzehnten sind wir nach einer SAC-Club-Tour auf das Schluchtli im Safiental noch zur Chrummwag gelaufen. Ich fotografiere vor der Tunneleinfahrt Richtung Chur und dem steilen Treppenweg zum Aussichtspunkt. Weil alles mit Reif bedeckt ist und der steile Weg kein Geländer hat, verzichte ich auf den Aufstieg. Schliesslich war ich als junge Frau oben. Dann laufe ich zum Bahnhof zurück.

Die offizielle Wegzeit von Versam bis zur Station Valendas-Sagogn ist mit anderthalb Stunden angegeben. Heute liegt auf weiten Teilen des weiss-rot-weissen Bergwanderweges Reif. Ich begegne nur bei der Chrummwag einem Wanderpaar und bin für den Rest des Tages allein unterwegs. Vorsicht ist bei diesen Verhältnissen angesagt und ich benötige natürlich viel mehr Zeit und habe sie auch. Ich fotografiere den winterlichen Bergwanderweg samt den Felsflanken ob Versam, das Kernstück namens Ruin Aulta, bei Ruina da las Foppas sowie die Nachmittagsstimmung beim Bahnhof Valendas-Sagogn. Der Kreis schliesst sich für mich, als ich bei der Brücke ankomme, über die ich im Sommer 2014 von der anderen Seite, von Tamins her kommend,  zur Station geschritten bin.

Insgeheim habe ich geträumt, einer der Calanda-Wölfe könnte mir auf der einsamen Tour über den Weg laufen. Die milden Verhältnisse lassen jedoch das populäre Wolfsrudel und seine Beutetiere an den hochgelegenen Sonnenhängen verweilen.
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